Impuls zum 4. Fastensonntag

(Joh 9,1-41)

„Das eine weiss ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann.“ (Joh 9,25) Diese Erfahrung kann dem Blindgeborenen niemand wegnehmen. Es ist seine ganz persönliche Erfahrung der heilsamen Begegnung mit Gott. Eine Erfahrung, die sich zuerst einmal in der äusserlichen Fähigkeit des Sehens ausdrückt, die aber vor allem auch eine tiefe Verwandlung des Herzens und des Selbstverständnisses mit sich bringt. Eine Erfahrung, die erwachsen macht im Glauben.

Doch die subjektive Evidenz dieser persönlichen Erfahrung stösst auf den Widerstand der menschlichen Vernunft und der damals gültigen religiösen Weltsicht. Das beginnt damit, dass diese Heilung gar nicht einfach so hätte geschehen dürfen. Als Blindgeborener ist er „ganz und gar in Sünde geboren“, denn nach dem damals verbreiteten Verständnis war seine Blindheit eine Strafe Gottes für seine Sünden oder die Sünden seiner Eltern. Wer immer ihn geheilt hat, hat also quasi in das göttliche Recht eingegriffen. Und obwohl Jesus hier und an vielen anderen Stellen im Evangelium bestätigt, dass weder der Blindgeborene noch seine Eltern gesündigt haben, treibt diese Tendenz, Krankheiten und Leid als Strafe Gottes für begangene Sünden zu deuten, gerade auch unter Christen bis heute immer wieder ihr Unwesen. Ein Blick in gewisse katholische Chats und Kommentarspalten genügt, um diese Beobachtung zu verifizieren.

Jesus hat diesen Mann also nicht nur von seiner Blindheit befreit, sondern auch vom Gift der diffusen Schuldgefühle, das die Gottesvorstellungen seiner Zeit von Kindesbeinen an in sein Herz geträufelt hatte. Dass sein Umfeld mit dieser Veränderung nicht so ohne weiteres umgehen konnte, verwundert nicht. Seine Familie und Bekannten sind ebenso ratlos und ungläubig wie viele unserer eigenen Eltern und Freunde, die nur schwer verstehen und wahrhaben wollen, dass man auch heute Erfahrungen machen kann, die einem in der Tiefe berühren und verwandeln. Wir sind uns gewöhnt, dass Menschen sind wie sie sind und auch so bleiben, wie wir sie kennengelernt haben. Dieses vermeintliche Wissen gibt Sicherheit in den Beziehungen. Doch da, wo dieses Wissen auf die konkrete Erfahrung trifft, entsteht nicht selten Irritation und Widerstand. Besonders heftig zeigt sich dies im heutigen Evangelium da, wo die Autorität des religiösen Wissens auf die reale Erfahrung des Blindgeborenen stösst: „Der Sehende stellt die Wissenden in Frage“. (Peter Köster SJ).

Der sehend Gewordene hat keine Erklärung für seine Erfahrung und er bekommt sie auch nicht von den Wissenden. Aber er weiss selber, dass es wahr ist und dass es gut ist: „Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er bestimmt nichts ausrichten können“ (Joh 9,33). Diese Überzeugung führt ihn endgültig zu Jesus, der ihn berührt und geheilt hat. Der Blindgeborene ist sehend geworden und dadurch erwachsen im Glauben.

In diesen Tagen, wo wir im Glauben radikal auf uns selber und das persönliche Gebet mit Gott zurückgeworfen sind, kann uns die Erfahrung des Blindgeborenen eine Ermutigung zu sein, nicht nur auf Wissende zu hören, sondern auf die eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen mit Gott zu vertrauen. Wir sind eingeladen, vermehrt die Begegnung mit Gott zu suchen, sei es im intimen Gespräch zuhause bei einer Kerze oder auf der Bank in einer leeren Kirche. Bitten wir dabei um die Gnade, Gottes liebende Gegenwart zu erfahren und seine Stimme in uns immer klarer wahrnehmen zu können. Denn was für den Blindgeborenen gegenüber den Pharisäern gilt, gilt auch für uns in der Begegnung mit Jesus Christus:  „Er ist alt genug und kann selber für sich sprechen“ (Joh 9,21)

„Jesus nimmt den Ausgestossenen auf
und öffnet ihm die Augen für das Licht des Lebens.
„Ich bin als Licht in die Welt gekommen,
damit keiner, der an mich glaubt, in der Finsternis bleibt“ (Joh 12,46).
Glaube und Anbetung sind die Antwort eines Menschen,
der nun in einem umfassenden Sinn sehend geworden ist.

Und dennoch –
das neue Licht erhellt nur den Weg für den nächsten Schritt.
Solange einer diesem Licht glaubt, bleibt er unterwegs als Sehender.“

Peter Köster SJ (Ausschnitt)

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