Impuls zum 5. Fastensonntag

(Joh 11,1-45)

Als Jesus Maria und die Menschen, die sie begleiten, weinen sieht, ist „er im Innersten erregt und erschüttert“ (Joh 11,33). Doch warum diese plötzliche Erregung, und warum seine Tränen? Es ist ein berührendes und befreiendes Bild, Gottes Sohn mit menschlichen Gefühlen zu erleben. Aber ist es wirklich nur die Trauer um seinen Freund Lazarus und das Mitgefühl mit seinen Freunden, das ihn derart bewegt? Er ist doch auf seinem Weg so viel menschlichem Leid begegnet, dass er dauernd Grund zum Weinen gehabt hätte. Was also erregt und erschüttert ihn dermassen in diesem besonderen Moment?

Die Frage mag gewagt erscheinen, aber kann es sein, dass sich Jesus in diesem Moment bewusst geworden ist, dass er eigentlich im Begriff war, die leidvolle Situation dieser Menschen für seine eigenen Zwecke zu instrumentalisieren? „Diese Krankheit (…) dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden“, sagt er seinen Jüngern, als er die Nachricht von der Krankheit seines Freundes erhält (Joh 11,4). Zwei Tage wartet er, bis er sich endlich auf den Weg macht. Und offensichtlich hat er dabei eine Absicht: „Ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt“ (Joh 11,15).

Jesus möchte, dass wir glauben. Es ist der tiefste Sinn seiner Sendung, uns Gottes Liebe und Barmherzigkeit zu offenbaren, damit wir glauben. Um seiner Botschaft Nachdruck zu verleihen und die Macht und Herrlichkeit des Vaters zu erweisen, hat er auch auf Wunder zurückgegriffen, die im Johannesevangelium Zeichen genannt werden. Sechs solche Zeichen – angefangen mit der Hochzeit von Kana bis zur Heilung des Blindgeborenen – hat er bereits gewirkt, als er bei einem Streitgespräch im Tempel verzweifelt ausruft: „Glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt“ (Joh 10,38).

Gleich darauf bietet sich Jesus die Gelegenheit, sein siebtes Zeichen zu wirken: Die Erweckung eines Toten zum Leben. Doch mehr noch als bei anderen Heilungen wird hier zwar Heilvolles bewirkt und Gottes Herrlichkeit offenbart, aber eben auch individuelles Leid und kollektive Trauer um der Offenbarung willen verzweckt. „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“. Der leise Vorwurf, die Verzweiflung und die Trauer von Marta, Maria und deren Freunden ist nicht nur eine Frucht leidvoller Umstände, sondern auch bedingt durch das Anliegen Jesu, ein Superzeichen zur wirken, damit wir endlich glauben.

Jesus ist innerlich erregt, als er seinem Vater dankt dafür, dass er ihn dabei erhört hat. Und es tönt fast wie eine Rechtfertigung, wenn er sagt: „… wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast“ (Joh 11,42). Vielleicht hat Jesus in diesem Moment begriffen, dass er nun aufhören muss, an anderen und durch andere Zeichen zu vollbringen. Die Zeit war gekommen, wo er sich selber zum Zeichen machen musste. Am gleichen Tag noch haben die Hohenpriester entschieden, ihn zu töten (Joh 11,53). Und mit dem folgenden Kapitel beginnt Jesu Weg zu seinem letzten Osterfest in Jerusalem.

Vielleicht ist das Bild des im Innersten erregten und erschütterten Jesus auch für uns gerade in diesen Tagen eine Einladung, aufzuhören, das Leid der Welt für moralische und religiöse Erklärungsversuche zu missbrauchen. Gott benutzt nicht das Leid der Menschen, um sie zu züchtigen und zu überzeugen, endlich an ihn zu glauben. Er hat sich am Kreuz mit seinem liebenden Ja mitten ins Leid der Menschheit hineingestellt. Dort sind wir eingeladen, ihn zu suchen und zu finden. Nicht in der überlegenen Position des moralischen Urteils über die Sündhaftigkeit und Verlorenheit unserer Welt.

„Von Tag zu Tag fallen immer mehr Wünsche und Sehnsüchte und Bindungen zu anderen Menschen von mir ab, ich bin zu allem bereit, ich gehe an jeden Ort dieser Erde, wohin Gott mich schickt, und ich bin bereit, in jeder Situation und bis in den Tod Zeugnis davon abzulegen, dass das Leben schön und sinnvoll ist und dass es nicht Gottes Schuld ist, dass alles so gekommen ist, sondern die unsere“.
Etty Hillesum („Das denkende Herz“, Tagebücher 1941-1943)

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