Impuls zum Gründonnerstag

Fusswaschung und Abendmahl (1 Kor 11,23-26 / Joh 13,1-15)

In Jesus Christus ist Gott selber Mensch geworden, um uns seine Liebe zu offenbaren. Das ist das tiefste Geheimnis unseres Glaubens. Und „da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung“ (Joh 13,1). Doch was heisst das: Lieben bis zur Vollendung? Und was hat das mit der Fusswaschung zu tun, die im Johannesevangelium anstelle der Einsetzung des Abendmahles steht? Was hat diese Geste mit dem zu tun, was nachher kommt: Mit der Passion und dem Tod am Kreuz?

Da ist sicher einmal das bewegende Beispiel der dienenden Hingabe, wenn Jesus, der Herr und Meister, seinen Jüngern – auch Judas – die Füsse wäscht. Die Reaktion des Petrus zeigt, dass das alles andere als selbstverständlich war. Doch seit ich vor über dreissig Jahren mit einem geschwollenen Knöchel im Spital auf einem Untersuchungstisch sass und in die fassungslosen Augen einer Freundin blickte, die vor mir auf dem Boden kniete, hat für mich die Fusswaschung noch eine tiefere Symbolkraft bekommen. Mona wollte mir damals helfen, den Schuh wieder anzuziehen, und ich hatte ihr dabei in einem ärgerlichen Reflex um ein Haar ins Gesicht getreten.

Die Füsse sind der Teil unseres Körpers, mit dem wir mit dem geringsten Aufwand am meisten Gewalt ausüben können. Und unsere Aggression drückt sich oft spontan über die Füsse aus: Wenn wir wütend sind, treten wir gegen alle möglichen Dinge. Und immer wieder wird bei Schlägereien in blinder Wut auf wehrlose Opfer eingetreten. Auch Fussball ist wohl nicht umsonst der universell populärste Sport: Eine Form von domestizierter Gewaltausübung mit den Füssen. Von der Gewalt, die im Strassenverkehr über das Spiel von Gaspedal und Kupplung ausgeübt wird, ganz zu schweigen.

Wenn Jesus sich also zu Füssen seiner Jünger niederkniet, liefert er sich symbolisch ihrer möglichen Gewalt aus. Selber auf den Knien ist er dabei kaum in der Lage, sich zu wehren. Und was er hier im vertrauten Rahmen seiner Freunde tut, wiederholt er am Tag danach in der Passion: Gottes Sohn, liefert sich der realen Gewalt der Menschen aus. Gott begibt sich freiwillig in die Hand der Menschen.

Diese liebende Hingabe feiern wir in der Eucharistie, die auf die Einsetzung des letzten Abendmahls zurückgeht, von der wir in der heutigen Lesung aus dem 1. Korintherbrief und aus den anderen drei Evangelien wissen. Im Zeichen von Brot und Wein teilt Jesus alles mit uns, was er ist und was er hat, seinen Leib und sein Blut. Er schenkt uns Anteil an seinem ewigen, göttlichen Leben, indem er sein Leben in unsere Hand legt.

Aus diesem Grund bin ich auch ein überzeugter Vertreter des Symbols der Handkommunion. Es gibt nichts eindrücklicheres, als im Sommer auf einer Alp einen Gottesdienst zu feiern und den Leib Christi in die vom Leben gezeichneten Hände der Menschen zu legen: In alte, verwitterte, durchgearbeitete Hände, mit Narben, fehlenden Fingern und den Resten von Maschinenöl, die man am Sonntag beim besten Willen nicht einfach so aus den Rillen der Haut waschen kann. Doch genau diesen Händen vertraut sich Gott an. Jesus war sich nicht zu schade, die Füsse seiner Jünger zu waschen. Er hat sich in seiner unendlichen Liebe nicht gescheut, sich von Menschen anfassen, schlagen, bespucken und kreuzigen zu lassen. Und er möchte auch heute nichts sehnlicher, als sich uns hinzugeben und sich in unsere Hand zu legen. Was für ein Geschenk, was für ein Vertrauen und was für eine Würde, die uns Gott da geben möchte!

Doch die Liebe selber ist wehrlos. Sie kann sich nur dort zur Entfaltung bringen, wo sie auch angenommen und zugelassen wird. „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“ (Joh 13,8). Bitten wir in diesen Tagen um die Gnade, alles loszulassen, was uns hindert, unsere eigenen Füsse hinzuhalten. Und bitten wir um die befreiende Erfahrung, dass Gott sich auch vor uns hinkniet, dass er sich auch meinen Fragen, meiner Ohnmacht und meiner Gewalt aussetzt. Lassen wir zu, dass er sich und sein Leben auch in meine Hand legt und dass seine bedingungslose Liebe auch in mir reiche Frucht bringt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15).

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