Impuls zum Karfreitag

Passion nach dem Johannes-Evangelium (Joh 18-19)

Lieben bis zur Vollendung. Das war die Sendung und die Sehnsucht Jesu: Gottes Liebe zu uns Menschen und der Welt offenbaren bis zur Vollendung. Und offenbar ist ihm das trotz Leiden und Qualen gelungen: „Es ist vollbracht!“, sind im Evangelium nach Johannes seine letzten Worte am Kreuz (Joh 19.30). Doch was hat dieser entsetzliche Leidensweg mit Liebe zu tun? Und wie sollen wir dieses blutige Geschehen vernünftigerweise als erlösend verstehen?

Naturwissenschaftler, zu denen ich mich als ehemaliger Chemiker zähle, suchen immer nach der einfachsten Lösung und Formel für ein Problem. Und wenn es um den christlichen Glauben geht, lautet die einfachste und gleichzeitig umfassendste Formel: Gott ist Liebe. Auf diese Formel – so hat der Französische Jesuit François Varillon SJ einmal gesagt – muss sich jedes theologische Reden letztlich begründen und reduzieren lassen. Und tatsächlich, wenn ich diese Formel ernst nehme, komme ich in letzter Konsequenz auf die Notwendigkeit des Kreuzes, oder zumindest eines gewaltsamen Todes Jesu durch die Hand der Menschen. Das ergibt sich aus der logischen Entfaltung des Begriffs „Liebe“.

Die Liebe, von der wir im Zusammenhang mit Gott reden, ist bedingungslos. Sie macht sich nicht abhängig von der Antwort des Geliebten. Mehr noch, sie lässt das Geliebte frei, diese Liebe anzunehmen oder abzulehnen. Das heisst aber, dass der bedingungslos Liebende bereit sein muss, die Ablehnung seiner Liebe zu ertragen, was weh tut. Es gibt daher keine Liebe ohne die Bereitschaft zu leiden. Diese enge Verbindung von Lieben und Leiden kommt in der deutschen Sprache in der schönen Formulierung zum Ausdruck: Ich mag dich leiden. Lieben bis zur Vollendung heisst demnach, auch dann nicht aufhören, zu lieben und leiden zu mögen, wenn die Liebe immer wieder zurückgewiesen wird, ja wenn sie selbst auf die radikalst mögliche Weise zurückgewiesen wird: Durch den Tod.

Das ganze Leben Jesu angefangen bei seiner Geburt bis hin zu Leiden, Tod und Auferstehung steht im Dienst der Offenbarung der bedingungslosen Liebe Gottes. Und diese Offenbarung kommt zur Vollendung im radikalst möglichen Ja Gottes zum radikalst möglichen Nein des Menschen: Gott lässt sich in seinem Sohn kreuzigen, ohne uns seine Liebe zu entziehen. Ohne diesen Moment wäre die Offenbarung unvollkommen. Und wir müssten uns bis heute immer wieder fragen, ob Gott nicht doch irgendwann genug hat, seine Liebe zurückzieht und zur Gewalt greift.

Darum ist das Kreuz auch mehr als nur das Zeichen der Solidarität Gottes mit den leidenden Opfern dieser Welt. Jesu Ja am Kreuz gilt auch denen, die ihn kreuzigen, den Opfern, die ihrerseits zu Tätern werden gegenüber anderen, Gott oder sich selber. Am Kreuz stellt sich Gott selber dem Leiden und der Gewalt der Menschen. Vom Kreuz herunter schaut Jesus uns ins Gesicht, wenn wir unsere Wut und Verzweiflung herausschreien: Warum all dieses Leid? Wie kann Gott das zulassen? Warum hast du die Welt nicht anders gemacht? Warum steigst du nicht endlich herunter von deinem Kreuz und machst alles gut?

Der Karfreitag ist daher gerade in dieser Zeit der Corona-Krise eine Einladung an uns, mit unseren Frage, unserer Ohnmacht und unserer Wut vor Gott zu treten und darauf zu vertrauen, dass er uns auch dann leiden mag, wenn wir ihn für unser Leiden leiden lassen. Wir bringen das Kreuz um seine wahre Kraft, wenn wir aus ihm lediglich ein Objekt frommer Anbetung machen. Das Kreuz ist nicht primär zur Verehrung da. Es ist vielmehr die Einladung Gottes, auch unsere Nägel einzuschlagen. Es ist der Ort, wo Gott sich selber dem Leiden seiner Schöpfung stellt und wo wir unseren Schmerz, unsere Wut und unsere Gewalt deponieren dürfen, ohne fürchten zu müssen, dabei umzukommen. Denn das liebende Ja Gottes, das Jesus bis zur Vollendung am Kreuz durchgetragen hat, gilt für uns heute genauso wie vor 2000 Jahren. Und das österliche „Der Friede sei mit euch!“ ist die endgültige Bestätigung, dass keine Gewalt der Welt – auch unsere eigene nicht – Gott von seiner Liebe zu uns abbringen kann.

Diese bedingungslose Liebe Gottes immer tiefer zu erfassen und an uns geschehen zu lassen, ist die Einladung dieser Kar- und Ostertage und des christlichen Glaubens überhaupt. In dem Moment, wo wir bereit sind, von Jesus unsere Füssen waschen zu lassen, wo wir zulassen, dass er sich auch in unsere Hände legt und wo wir den Mut finden, auf seine Liebe zu vertrauen und ihm auch unsere Gewalt zuzumuten, da erfahren und begreifen wir, was die Erlösung bedeuten kann, auf die wir hoffen: Erlösung von der Angst, allein und ungehört zu bleiben mit dem Schrei unserer Not.

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