Impuls zum Ostersonntag

(Joh 20,1-10)

„Da ging auch der andere Jünger ins Grab hinein; er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Was hat dieser andere Jünger, von dem gesagt wird, dass Jesus ihn liebte, was Petrus nicht hat? Was sieht er da, wo für andere nur Leere, Ratlosigkeit und Verzweiflung herrschen? Warum ist er fähig, da zu glauben, wo andere nichts sehen?

Vielleicht hängt diese Fähigkeit mit seiner besonderen Nähe und Vertrautheit zusammen, die er mit Jesus hat. Je besser und intimer wir jemanden kennen, desto leichte erkennen wir die Anzeichen seiner Gegenwart. Manche Freunde erkennen wir schon von weitem an der Art sich zu bewegen. Wir kennen ihre Handschrift und ihr Parfüm. Wir sind vertraut mit ihren Verhaltensweisen, mit ihrer Weise zu Denken und zu Fühlen. Und wir entwickeln eine Sensibilität für ihren unverwechselbaren Stil.

Ignatius von Loyola lädt uns in seine geistlichen Übungen ein, Jesus immer näher und intimer kennenzulernen, indem wir sein Leben und Wirken mit unseren Gedanken, unserer Fantasie und all unseren Sinnen betrachten und meditieren. Je mehr wir uns darin einüben, desto vertrauter werden wir mit dem Denken Jesu und seinen Herzensanliegen, und desto mehr werden auch wir fähig, selbst da, wo für andere nur Leere ist, sein Parfüm und seinen Stil zu erkennen.

Doch wie riecht denn dieses Parfüm Jesu? Was macht seinen Stil aus? Woran erkennen wir die Gegenwart Gottes?

Es sind die gleichen Erfahrungen, die die Menschen vor 2000 in der Begegnung mit Jesus von Nazareth gemacht haben: All die Momente des Unbedingten, Ungeschuldeten und Geschenkten. Erfahrungen wo uns scheinbar grundlos und unverdient Liebe, Freundschaft oder gar Vergebung geschenkt wird. Momenten, wo Versöhnung möglich wird nach Jahren des Streites. Erfahrung ungeahnter Kraft in schwierigen Situationen. Ein Gefühl der Hoffnung und Zuversicht in Zeiten der Hoffnungslosigkeit. Und nicht zuletzt die Erfahrung, dass andere für uns und wegen uns leiden, ohne uns dafür bezahlen zu lassen… einfach nur weil sie uns eben leiden mögen.

Es sind all die Momente, wo die logische Kette von Ursache und Wirkung, von Aktion und Reaktion, von Gewalt und Gegengewalt, von Schuld und Strafe durchbrochen werden durch den freien Akt der ungeschuldeten, bedingungslosen Liebe. In all diesen Erfahrungen, in denen wir etwas vom Stil Jesu wahrnehmen können, wird uns etwas gegenwärtig von der Realität und der Kraft des Auferstandenen.

Die Botschaft der Auferstehung ist daher nicht primär die befreiende Zusage eines Lebens nach dem Tod. Es ist vor allem die Zusage für das Leben im hier und jetzt. Es ist die Zusage, dass alles, was Jesus in seinem Leben getan und dadurch von Gott offenbart hat, wahr und gültig ist, damals und heute. Und es ist vor allem die Einladung zu glauben, dass Gott auch die Steine vor unseren eigenen Gräbern wegrollen kann, und dass alles, was in uns heute schon tot ist, in der Begegnung mit Christus zu neuem Leben gerufen ist: Unsere Enttäuschungen, zerbrochene Beziehungen, zerstörtes Vertrauen, Verletzungen und Traumata, all das eben, was uns an der Entfaltung des Lebens hindert, das Gottes Sehnsucht in uns zugrunde gelegt hat.

Denn wenn Jesus auferstanden ist, dann ist das Leben stärker als der Tod, dann ist die Hoffnung stärker als die Angst und bedingungslose Liebe stärker als Gewalt. Wenn Jesus auferstanden ist, ist das die Bestätigung seines ganzen Lebens, seiner Weise zu leben, seiner Weise zu lieben. Und darin liegt die verwandelnde, ja revolutionäre Kraft der Osterbotschaft: Sie lädt uns ein, gegen alle scheinbare Vernunft selber auch auf die Kraft der bedingungslosen Liebe zu vertrauen. Sie lädt uns ein, mindesten zu versuchen, so zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat: Auch und gerade dann, wenn unsere Liebe unbeantwortet bleibt, wenn sie scheinbar nichts zu bewegen vermag und sinnlos scheint.

Gottes Liebe in Jesus meint ausnahmslos alle Menschen, also auch mich. Darum bin auch ich als Jüngerin und Jünger, die/den Jesus liebt, eingeladen, meine persönliche Beziehung und Freundschaft mit ihm zu vertiefen, um immer mehr fähig zu werden, zu sehen und zu glauben, indem ich seine persönliche Handschrift, sein Parfüm und seinen unverwechselbaren Stil in den konkreten Erfahrungen und Begegnungen meines Alltags suchen und finden lerne. Dort ist es, wo ich die Wahrheit dessen erfahren kann, was wir an Ostern feiern: Christus ist wahrhaft auferstanden, Halleluja!

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