Impuls zum Palmsonntag

(Mt 21,1-11 und Mt 26,14-27,66)

Was für ein emotionaler Spannungsbogen, in den uns die Liturgie vom Palmsonntag hineinstellt: Angefangen vom jubelnden „Hosanna“ der Menschen beim Einzug Jesu in Jerusalem bis hin zur Versiegelung des Grabes nach seinem qualvollen Tod am Kreuz. Begeisterung und Ablehnung, Freude und Gewalt. Aber warum das alles an einem einzigen Tag? Warum feiern wir nicht einfach die Segnung der Palmzweige und lassen die Leidensgeschichte für den Karfreitag?

Doch vielleicht liegt gerade darin der tiefere Sinn und die Herausforderung des Palmsonntags: Dass wir diese beiden Ereignisse nicht einfach so trennen. Vielleicht geht es darum, dass wir eben nicht der Versuchung erliegen, zu trennen zwischen den Menschen, die Jesus jubelnd empfangen und denjenigen, die ihn höhnend und schreiend ans Kreuz begleiten. Hier geht es nicht um ein Gegenüber von Freund und Feind, von Jesus-Fans und Jesus-Gegnern. Nein, es geht um das Wesen von uns Menschen an sich. Wir haben alle beides in uns: Die Fähigkeit zu jubeln und die Fähigkeit zu kreuzigen. Jeder Sportstar weiss, wie schnell es gehen kann, dass seine „treusten“ Fans zu den bittersten Kritikern werden.

Je mehr wir einem Menschen vertrauen, je mehr Sehnsüchte wir mit ihm verbinden und je mehr Hoffnungen wir auf die Beziehung mit ihm setzen, desto grösser ist das Potential, enttäuscht zu werden. Und desto grösser sind der Schmerz und die Irritation durch diese Enttäuschung. Menschliche Liebe, die nur selten wirklich selbstlos auftritt, und gekränkter Hass sind daher wie zwei Seiten einer Medaille. Und diese beiden Seiten unseres Wesens sind immer da besonders herausgefordert, wo es um die tiefste Sehnsucht unseres Lebens geht: Die Sehnsucht nach Sinn, Geborgenheit, Anerkennung und Liebe.

Jesus Christus ist Mensch geworden, um uns auf diese Sehnsüchte die Antwort Gottes zu bringen. Sein Leben besteht in der Offenbarung der bedingungslosen Liebe Gottes, die jeden Menschen meint und anspricht. „Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin“, so dass niemand sich vor ihm fürchten muss. Und da, wo Menschen das spüren und ihre Angst loslassen können, da schneiden sie Zweige von den Bäumen und jubeln ihm voll Freude zu: „Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ (Mt 21,9).

Doch die gleichen Menschen erleben auch Momente im Leben, wo ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen enttäuscht werden. Wo Gott eben nicht so ist und handelt, wie wir es gerade wünschten und bräuchten. Es sind die Momente, wo Gott weit weg scheint und offenbar schweigt angesichts des Leids der Welt. Es sind die Situationen der Not und der Trauer, wo trotz allem guten Willen die Fragen, die Zweifel und das Gefühl der Ohnmacht in uns auftauchen. Und wo Ohnmacht ist, entsteht immer auch Wut.

„Mache uns offen für das was die Menschen bewegt, dass wir ihre Trauer und Angst, ihre Freude und Hoffnung teilen“, beten wir jeweils im Hochgebet „Jesus, unser Weg“, und „Du lässt uns niemals allein auf unserm Weg und bist immer da für uns“. Ja, in Jesus teilt Gott selber all diese Gefühle und Stimmungen mit uns, die positiven und die negativen. Auf der Eselin teilt er unter Palmzweigen und „Hosanna“-Rufen unsere Freude und Hoffnung, und auf dem Gang zur Kreuzigung unsere Trauer und Angst, unsere Wut und unsere Gewalt. Dieses Geheimnis zu erfassen, zu erfahren und auch für uns selber zuzulassen, ist die Einladung der Liturgie des Palmsonntags.

Und weil Jesus in seiner bedingungslosen Liebe alles trägt, den Teil in uns, der ihm zujubelt, und der Teil in uns, der ihn manchmal kreuzigen könnte, dürfen – und sollten – wir im Blick auf den Karfreitag nicht nur betroffen auf die anderen schauen, die Jesus ans Kreuz schlagen, sondern auch uns selber in aller Offenheit die Frage der Jünger stellen: „Bin ich es etwa, Herr?“ (Mt 26,22).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: