Impuls zur Ehebrecherin (Joh 8,1-11)

Die heutige Szene aus dem Johannesevangelium eignet sich gut für eine ignatianische Gebetszeit. Es ist ein einheitlicher Schauplatz, in dem wir uns spielerisch mit unserer Fantasie das beschriebene Geschehen vorstellen können.

Die Frau wurde beim Ehebruch ertappt. Das wird auch von Jesus nicht bestritten. Sie weiss um ihren Fehler und doch befindet sie sich plötzlich im Zentrum einer unheilvollen Dynamik, die nichts mehr mit ihr als Person zu tun hat. Zusätzlich zur drohenden Steinigung wird sie im Tempel vorgeführt und als Mittel für die Interessen der Pharisäer und Schriftgelehrten missbraucht. Sie weiss, was sie erwartet. In Todesangst ohnmächtig auf sich allein gestellt, sieht sie sich der erdrückenden Macht des Kollektivs gegenüber, das sich im Recht weiss und sie zum Sündenbock macht.

Doch Jesus stoppt diese gewaltsame Dynamik. Der Aggressivität der Ankläger setzt er sein Schweigen entgegen. Und geschickt lässt er deren Gewalt ins Leere laufen, indem er ihren Anspruch nicht grundsätzlich bestreitet. Doch mit seiner Aufforderung „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“, bricht er die unheilvolle Gruppendynamik seiner Gegner auf und verweist jeden einzelnen auf sich selber und seine persönliche Verantwortung.

Und plötzlich sind sie alle weg, nicht nur die Pharisäer und Schriftgelehrten, sondern auch die Menschen, die vorher Jesus zugehört hatten. Nur Jesus ist noch da und die Frau. Offenbar ist die Herausforderung Jesu auch bei seinen Zuhörern angekommen. Angesichts der Frage nach der eigenen Schuld gibt es keine Trennung zwischen unbeteiligten Beobachtern der Szene und den aufgebrachten Anklägern. 

Und wo bin ich? Denn als Lesender und Meditierende bin ich ja immer noch irgendwie da, in diskreter Distanz zusammen mit dem Autor des Evangeliums, der mir die Geschichte erzählt. Bleibe ich einfach als unbeteiligter Beobachter, der seinen Trost zieht aus der Grossmütigkeit Jesu gegenüber der Frau? Und wie wird es sein in einer Woche, wenn ich wie jedes Jahr die Leidensgeschichte höre oder lese? Bleibe ich auch da ein Beobachter, der trauert um Jesus und sich empört über die Sünde der anderen, die ihn kreuzigen?

Vielleicht kann auch ich in diesen Tagen einmal einen Stein in die Hand nehmen und mir überlegen, wem ich ihn am liebsten an den Kopf werfen würde. Ich bin überzeugt, jeder von uns wird so einen Menschen finden. Doch dann halte ich inne und stelle mich der Herausforderung Jesu: „Wer von euch ohne Sünde ist…“. Und mit dem, was ich dann finde, laufe ich nicht weg, sondern bleibe stehen, so wie die Frau vor Jesus, und schaue ihm in die Augen.

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