Impuls zur Osternacht

Evangelium der Osternacht 2020 (Mt 28,1-10)

Die Auferstehungsszene bei Matthäus ist mit Abstand die spektakulärste von allen Evangelisten. Ein gewaltiges Erdbeben erschüttert die Welt, als der Engel vom Himmel herabkommt und den Stein vom Grab wälzt. Wie ein Blitz leuchtet seine Gestalt und sein Gewand ist weiss wie Schnee. Die Wächter am Grab sind schockiert und brechen gelähmt zusammen. Und jeder, der etwas Sinn für Dramatik hat, erwartet nach dieser Ouvertüre den grossen Auftritt: Kommt jetzt Jesus aus dem Grab, wie damals Lazarus? Zeigt er der ganzen Welt seinen machtvollen Sieg über den Tod und über all diejenigen, die ihn verhöhnt und gekreuzigt hatten?

Doch nichts von dem. Das Grab ist leer!

Zurück bleibt eine Frage: Ist es wahr, was der Engel gesagt hat? Und ist es wahr, was die Frauen kurz darauf den Jüngern erzählen: Dass Jesus von den Toten auferstanden ist, dass sie ihm begegnet sind und dass er ihnen nach Galiläa vorausgehen wird, ja dass sie – und wir – ihn dort sehen werden? Ich sage bewusst auch wir, weil sich diese Frage für uns heute genauso stellt wie für die Frauen am Grab und die Jünger in ihrem Versteck: Ist es wirklich wahr?

„Fürchtet euch nicht!“, sagt der Engel, Jesus „ist auferstanden, wie er gesagt hat“ (Mt 28,5). Er lädt ein, sich zu erinnern und auf das zu vertrauen, was Jesus gesagt hat und was wir bereits mit ihm erlebt haben. Das ist auch der Sinn der zahlreichen Lesungen aus dem Alten Testament, die wir normalerweise in der Osternacht hören. Sie rufen die Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen in Erinnerung. Da ist die Schöpfungsgeschichte, in der uns Gottes mächtiges und schöpferisches Wort begegnet: Gott sprach und es wurde. Und das was wurde war gut, ja sehr gut (Gen 1). Dann die Verheissung Gottes an Abraham, der bis zur letzten Konsequenz sein Vertrauen auf Gott gesetzt hat: Ich werde „deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel“ (Gen 22,1-18). Und dann das grosse Befreiungsepos des Volkes Israel, in dem Gott noch einmal die Gewalten des Meeres trennt und sein Volk in ein neues Leben führt (Ex 14,15 – 15,1). Und schliesslich die hoffnungsvolle Verheissung Jesajas, dass jedes Wort aus Gottes Mund nicht leer zurückkehrt, sondern bewirkt, wozu es ausgesandt wurde (Jes 55,1-11).

In all diesen Lesungen begegnen wir Gott, dem Schöpfer, der nicht nur spricht, sondern dessen Wort wirkt, heilt und Leben schafft. Vor knapp vier Monaten haben wir gehört, dass dieses Wort Fleisch geworden ist. Gottes Sohn ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt. Und so haben wir an den vergangenen Fastensonntagen meditiert, wie dieses Wort in der Samariterin am Jakobsbrunnen zur Quelle lebendigen Wasser wurde, wie es dem Blindgeborenen die Augen geöffnet hat, und wie es den toten Lazarus zu neuem Leben gerufen hat.

Wir hören und erinnern uns: Das Wort bewirkt was es sagt. Und es hat uns gesagt: Am dritten Tag werde ich auferstehen von den Toten. Gottes Wort schafft neues Leben. Diese neue Schöpfung unterstreicht Matthäus in ihrer kosmischen Dimension, indem er die Erde beben und blitzen lässt durch seinen Engel. Und dieser Engel sagt nun: Fürchtet euch nicht! Seht her und habt vertrauen! Geht zurück nach Galiläa, geht zurück in euer Leben, und „dort werdet ihr ihn sehen“ (Mt 28,7).

Doch alle diese schönen Geschichten über Gottes schöpferisches Handeln und seine Auferstehung von den Toten sind auch für den wohlgesinnten, um Glauben bemühten Zuhörer, erst einmal nur Geschichten. Sie können unsere Sehnsucht wecken, uns motivieren, ermutigen und neugierig machen. Ob sie aber wahr sind und ob das darin erzählte auch für uns heute eine Bedeutung hat – gerade in dieser für uns alle so herausfordernden Zeit – das erfahren wir erst dann, wenn wir beginnen, den Auferstandenen in unserem konkreten Leben zu suchen und zu finden, in unserem eigenen Galiläa, hier und heute.

Dort will er uns ansprechen am Brunnen unserer Sehnsucht, um uns Wasser des Lebens zu schenken. Dort will er uns begegnen, um unsere blinden Augen sehend zu machen für seine schöpferische Gegenwart in allen Dingen. Und dort will er uns besuchen, um uns aus den Gräbern unserer Angst und Verletzungen zu rufen und zu einem neuen, erfüllten Leben zu befreien.

Ja, das Grab ist leer. Aber fürchtet euch nicht und habt vertrauen! Das Leben ist stärker als der Tod, die Liebe stärker als die Gewalt. Christus lebt! Er ist wahrhaft auferstanden. Er geht uns voraus nach Galiläa. Er geht uns voraus in unseren Alltag. Dort werden wir ihn sehen. Halleluja!

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