Maria Magdalena vor dem leeren Grab

(Joh 20,11-18)

„Frau, warum weinst du?“. Diese Frage scheint banal, und doch steht sie im Zentrum der Begegnung von Maria Magdalena mit dem Auferstandenen. Gleich zwei Engel sitzen im leeren Grab, gekleidet in weissen Gewändern, doch das einzige, was die beiden tun, ist diese Frage zu stellen. Sie trösten nicht, sie verkünden nichts. Kein Wort von Auferstehung. Und doch tun sie offenbar das Entscheidende. Warum?

Maria Magdalena steht vor dem Grab und weint. Ihre Welt ist zerbrochen, ihre Hoffnungen zerstört. Der Mensch, der sie von ihren Verletzungen erlöst und zu einem Leben befreit hat, wurde umgebracht. Alles scheint seinen Sinn verloren zu haben. Und nun ist auch noch der Leichnam weg. Es wird kein Grab geben und keinen Ort für ihre Trauer. In ihrer Verzweiflung ist sie einen Moment lang eingeschlossen in sich selber und blind für die Welt um sich herum. Den Gärtner, der in der Nähe arbeitet, sieht sie nicht.

Doch dann macht sie den entscheidenden Schritt: Sie beugt sich noch einmal ins leere Grab hinein. Sie bewegt sich in ihrem Schmerz und schaut noch einmal dorthin, wo es weh tut. Und dort, im Ursprung ihres Leidens, wird sie von den Engeln gefragt: „Warum weinst du?“ Sie wird eingeladen, Worte zu finden und ihr Leiden zu benennen: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wohin man ihn gelegt hat“ (Joh 20,13). Ihre Worte klingen hilflos und resigniert, und doch haben sie eine erstaunliche Wirkung. Ohne noch irgendetwas von den beiden Engeln zu erwarten, dreht sich Maria Magdalena um und sieht plötzlich einen Gärtner dastehen. Und auch dieser stellt ihr eine Frage: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ (Joh 20,15). Noch einmal wird sie eingeladen, sich auszudrücken. Und ihre Antwort hat bereits eine ganz andere Qualität: „Wenn du… sag mir, wohin… dann will ich…“. Doch auch jetzt wartet sie nicht auf eine Antwort, sondern hat sich bereits wieder weggedreht, als sie ihren Namen hört: „Maria!“

Warum ruft Jesus Maria Magdalena nicht schon von Anfang an, als sie verzweifelt und weinend vor dem Grab steht? Warum dieser Umweg über das leere Grab bis zum Sehen und Erkennen des Auferstandenen? Oder liegt gerade in diesem Umweg der Schlüssel auf dem Weg zum Sehen und Erkennen auch für uns?

Zwei Aspekte kennzeichnen diesen Weg. Erstens die Bewegung: Maria Magdalena hört irgendwann auf, einfach dazustehen. Sie beugt sich hinein, wendet sich um, wendet sich weg und dann wieder um zu Jesus. Die Bewegung ist Ausdruck der Suche und der Sehnsucht. Und als zweites kommt die Frage und damit die Einladung, diese Suche und diese Sehnsucht in Worte zu fassen. Durch die Sprache und das Benennen wird die innere Bewegung bewusst gemacht. Und durch das Bewusstsein wird die Wahrnehmung gleichzeitig geweitet und fokussiert. Indem Maria Magdalena formuliert, woran sie leidet und was sie sucht, wendet sie sich um und ihr Blick öffnet sich für die Realität um sie herum. Und plötzlich ist sie fähig, beim Hören ihres Namens in einem Fremden den zu erkennen, den sie sucht.

In der ignatianischen Spiritualität spielt das Beantworten von Fragen eine grosse Rolle. Denn das Suchen nach den Spuren und der Stimme Gottes in meinem Leben, geht über das bewusste Wahrnehmen von Erfahrungen und inneren Regungen. Und diese Wahrnehmung führt über den Weg der Sprache. In jeder ignatianischen Betrachtung sind wir eingeladen, konkret als Bitte zu formulieren, was ich von Gott begehre. Es ist wie die Antwort auf die Frage Jesu: Warum weinst du? Was suchst du? Was willst du, dass ich für dich tue? Die Antwort auf diese Frage bringt uns in Kontakt mit unserer Sehnsucht und richtet unsere Suche aus. Und auch am Ende jedes Gebetes, sind wir eingeladen, zu beschreiben oder auch in einem Tagebuch schriftlich festzuhalten, wie es mir ergangen ist und was ich erfahren habe.

Vielleicht kann uns das Beispiel von Maria Magdalena Mut machen, gerade in Momenten von Trauer, Angst und Verzweiflung immer wieder neu den Schritt zu wagen, noch einmal in die leeren Gräber unseres Lebens hineinzuschauen und uns von den Engeln fragen zu lassen: Warum weinst du? Wen suchst du? Und im Benennen unserer Gefühle und im Ausdrücken unserer Sehnsucht werden wir dabei vielleicht auch selber erfahren dürfen, was Maria Magdalena den Jüngern verkündet hat: „Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18).

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