Impuls zum Weissen Sonntag

(Joh 20,19-31)

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,24). Mit diesen Worten Jesu schliess das 20. Kapitel des Johannes-Evangeliums den Bogen, den es in der ersten Szene mit dem „anderen Jünger“ begonnen hat, den Jesus liebte: Dieser sah das leere Grab – also eigentlich nichts – und glaubte. Doch vor allem richtet sich diese Seligpreisung an uns alle, die wir 2000 Jahre später scheinbar gegen alle Vernunft der Zeit darum ringen, zu glauben, obwohl wir erst einmal nichts sehen. Aber ist das nicht zu viel verlangt von uns, wo doch schon von den elf Aposteln nur dieser eine, den Jesus liebte, das Kriterium erfüllt hat?

Diese Frage, wie ich sie stelle ist typisch für eine Weise des Denkens, die den Glauben als eine zu erbringende Leistung betrachtet, mit der verheissenen Seligkeit als Belohnung. Aber wenn wir die innere Dynamik über die vier Szenenbilder des 20. Kapitels betrachten, sehen wir, dass es nicht darum geht, was die Menschen tun um zu glauben, sondern darum, was Jesus tut, damit wir glauben können.

In der ersten Szene (Joh 20,1-10) begegnen wir Petrus und dem anderen Jünger am leeren Grab. Da gibt es nichts zu sehen. Und dennoch glaubt dieser andere Jünger, der offenbar eine grosse innere Vertrautheit mit Jesus hat. In der zweiten Szene begegnen wir Maria Magdalena (Joh 20,11-18). Obwohl auch sie eine tiefe innere Verbundenheit mit Jesus hat, glaubt sie erst nicht, erkennt ihn aber schliesslich in einer fremden Gestalt, als Jesus sie beim Namen ruft. Dann gibt sich Jesus seinen Jüngern zu erkennen (Joh 20,19-23), indem er bei verschlossenen Türen in offenbar bekannter Gestalt bei ihnen im Keller auftaucht und ihnen seine Hände und seine Seite zeigt. Und eine Woche später kommt er noch einmal zurück, um auch dem zweifelnden Thomas zu erlauben, seine Hände und seine Seite nicht nur zu sehen sondern auch zu berühren (Joh 20,24-29).   

Hier geht es also nicht darum, wer wie wenig sieht und doch glaubt. Vielmehr geht es um die Sehnsucht Jesu, seine Auferstehung jedem und jeder auf die Weise erfahrbar werden zu lassen, wie diese es brauchen, um glauben zu können. Der Auferstandene spielt nicht Verstecken mit seinen Leuten. Er kommt ihnen wenn nötig entgegen. Es geht ihm nie um sich selber und darum, sich von uns suchen und finden zu lassen. Ihm geht es darum, dass wir glauben können und die Freude dieses Glaubens so schnell wie möglich an andere weitergeben: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21).

Auf diese Sehnsucht Gottes, sich allen Menschen als den Auferstandenen und Lebendigen erfahrbar werden zu lassen, dürfen auch wir heute vertrauen. Denn Auferstehung ist nicht eine Trostbotschaft für Glaubende, um uns das Warten auf den Tod etwas erträglicher zu machen. Die Botschaft der Auferstehung möchte in die Welt hineinwirken, die Welt gestalten und verwandeln. Sie spricht vom Leben im Angesicht des Todes. Sie ermutigt zur Liebe, wo scheinbar nur Gewalt herrscht. Und sie lädt ein zum Engagement aus Hoffnung, wo Angst alles zu lähmen droht. Und weil ihm die Welt ein Herzensanliegen ist, ist Gott der erste, der ein Interesse daran hat, dass diese Botschaft bekannt und für möglichst viele Menschen konkret erfahrbar wird.

Ein privilegierter Ort für diese Erfahrung ist immer auch die Begegnung mit Menschen, die zwar selber auch nicht sehen, aber doch glauben, und die durch ihr Engagement und ihre Ausstrahlung etwas spüren lassen, von der Hoffnung und der Freude, die in ihnen lebt. Durch solche Menschen, die uns ahnen lassen, was „selig“ heissen könnte, aber auch auf viele andere Weisen möchte sich Jesus Christus auch uns als den Auferstandenen offenbaren, damit auch wir – eher früher als später – mit Thomas ausrufen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)

Papst Franziskus (Evangelii Gaudium, Nr. 14)
Alle Menschen haben das Recht, das Evangelium zu empfangen. Die Christen haben die Pflicht, es ausnahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet. Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern „durch Anziehung“.  

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