Formen der Einsamkeit (Etty Hillesum)

„Ich kenne zwei Formen von Einsamkeit. Die eine macht mich sterbenstraurig und gibt mir das Gefühl verloren zu sein und ohne Richtung. Die andere, im Gegensatz dazu, macht mich stark und glücklich.

Die erst kommt daher, dass ich nicht mehr den Eindruck habe, mit Meinesgleichen im Kontakt zu sein; dass ich völlig getrennt bin von jedem von ihnen und von mir selber, bis zum Punkt nicht mehr zu verstehen, welchen Sinn das Leben haben könnte. Es scheint mir, dass es keine Kohärenz mehr hat und dass ich meinen Platz darin nicht mehr finde.

Aber die Erfahrung einer anderen Einsamkeit macht mich stark und selbstsicher: Ich fühle mich darin verbunden mit jedem, mit allem und mit Gott… Ich fühle mich eingebettet in ein grosses Ganzes erfüllt mit Sinn, und ich habe den Eindruck, dass ich diese grosse Kraft, die in mir ist, auch mit anderen teilen kann.“

Etty Hillesum, Tagebücher, 9. August 1941

Bild: „O selige Einsamkeit, o einzige Glückseligkeit“, Inschrift bei der Ermitage in Arlesheim (Schweiz)

4 Kommentare zu „Formen der Einsamkeit (Etty Hillesum)

      1. Das freut mich. Etty gehört zu meinen grössten Inspirationsquellen der letzten Jahre.
        Der Text zur Einsamkeit ist eine Übersetzung von mir aus der französischen Gesamtausgabe der Tagebücher. Auf Deutsch ist bisher nur die zuerst publizierte redigierte Fassung erhältlich („Das denkende Herz“, ca. ein Drittel, aber das Wesentliche), in der dieser Text meines Wissens nicht vorkommt.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: