Impuls zu Zorn und Liebe

Beide Lesungen des heutigen Tages (Apg 5,27-33 / Joh 3,31-36) schliessen mit dem Zorn, einem Wort, das uns Mühe macht, vor allem, wenn es in Zusammenhang mit Gott gebraucht wird. Der Gott des Alten Testaments – so sagen manche – sei ein Gott des Zornes und der Rache. Aber mit Jesus habe sich alles geändert. Durch ihn wissen wir, dass Gott Liebe ist. Doch stimmt dieser Gegensatz tatsächlich? Erlaubt die Liebe keinen Zorn?

Hier lohnt es sich, genauer zu unterscheiden. Zorn ist eine Form von Wut, die den Unmut und Ärger über einen unerfüllten Anspruch ausdrückt. Als solcher ist Zorn erst einmal ein emotionaler Zustand, der wie alle Gefühle wertneutral ist. Wir erleben und erleiden Gefühle als Reaktionen auf äussere oder innere Reize. Daher sind wir nicht dafür verantwortlich, Gefühle zu haben, sondern dafür, wie wir mit ihnen umgehen.

Liebe hingegen ist kein Gefühl, auch wenn wir die Tendenz haben, sie spontan damit zu identifizieren und sie auf das zu reduzieren. Liebe ist weit mehr als nur ein emotionales Hingezogensein zum Geliebten. Liebe ist die bedingungslose Zuwendung zum Geliebten, und dies auch dann, wenn diese Liebe unbeantwortet, enttäuscht oder zurückgewiesen wird. In diesen Momenten, wo Liebe in Form von Schmerz, Trauer und Wut erfahren wird, ist sie vor allem eines: eine Entscheidung.

So gesehen gibt es keinen Gegensatz von Liebe und Zorn. Die Liebe lässt Platz für Gefühle wie Wut und Zorn. Das entscheidende ist, wie sie damit umgeht. Aufgrund unserer Alltagserfahrung haben wir die Tendenz, Ärger, Wut und Zorn mit Gewalt in Verbindung zu bringen. Und da wir Gewalt mit Recht ablehnen, meinen wir auch, die damit verbundenen Gefühle ablehnen und verurteilen zu müssen. Damit verurteilen wir aber einen wichtigen Teil unserer natürlichen und meist auch berechtigten emotionalen Reaktionen: Weil Wut, Ärger und Zorn «böse» sind, dürfen wir diese Gefühle nicht haben. Und darum darf vor allem auch Gott sie nicht haben.

Doch auch Jesus im Neuen Testament scheinen diese Gefühle nicht fremd zu sein. Vor allem da, wo er es mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit zu tun hat, dringt in seinen Reden der Ärger durch. Und ein heiliger Zorn scheint ihn anzutreiben, als er die Händler aus dem Tempel vertreibt. Bemerkenswert scheint mir aber, dass Jesus nie zornig wird gegenüber «normalen» Sündern wie Zöllnern, Dieben und Ehebrecherinnen. Auch gegen Judas, Petrus und auch alle die, die ihn schlagen und kreuzigen, scheint er keinen Zorn zu empfinden. Sein Zorn entflammt sich immer nur da, wo Menschen im Namen Gottes andere Menschen unterdrücken und in falschen Gottesvorstellungen gefangen halten. Jesus wird nicht zornig, wenn einzelne Menschen seine Liebe nicht annehmen können. Aber er wird da zornig, wo Menschen im Namen Gottes bestimmen, wer sich von Gott geliebt wissen darf und wer nicht.

Im heutigen Evangeliumstext ist es nicht Jesus, der spricht, sondern Johannes der Täufer. Dieser beklagt sich, dass niemand das Zeugnis Jesu für den wahrhaftigen Gott annehme. Und er meint dabei vor allem diejenigen, die Autorität haben, im Namen aller ein Urteil über Jesus und Gott zu fällen. Ihrem Unwillen zu horchen und zu gehorchen, verheisst er Gottes bleibenden Zorn. Es ist Gottes Zorn gegenüber religiösen Machthabern, die in ihrem irdischen Zorn angesichts all dessen, was sie von Jesus gesehen und gehört haben, noch immer bereit sind, im Namen Gottes andere zu töten.

Aber Jesus, dem Gott Vater alles in die Hand gegeben hat, ist nicht irdisch und redet nicht irdisch. «Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen.» Jesus hat seinen durchaus berechtigten Zorn angesichts der Hartherzigkeit gewisser Glaubensführer nicht vollstreckt, denn – wie Gott es den Propheten Hosea sagen lässt – «ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns»(Hos 11,9). Ihm, der am Kreuz bis heute auch unseren Zorn liebend aushält, dürfen darum auch wir uns mit all unseren Gefühlen anvertrauen, den angenehmen und den weniger angenehmen. 

Tagesimpuls auf der Webseite der Schweizer Jesuiten zum
Donnerstag der 2. Osterwoche (Apg 5,27-33 / Joh 3,31-36)
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