Impuls zum Jünger, den Jesus liebte

3. Sonntag der Osterzeit (Joh 21,1-14)

„Es ist der Herr!“ Wie schon am Ostermorgen beim leeren Grab ist es „der Jünger, den Jesus liebte“, der angesichts des mit Fischen gefüllten Netzes als erster begreift, was vor sich geht. Doch wer ist dieser Jünger eigentlich? Bei der Aufzählung der sieben Männer, die an diesem Morgen das Fischerboot besteigen, wird er nicht ausdrücklich erwähnt.

Die Frage nach der Identität dieses Jüngers, die man die „johanneische Frage“ nennt, ist bis heute nicht geklärt. Es scheint wenig wahrscheinlich, dass es der Apostel Johannes gewesen sein soll, also einer der beiden Zebedäus-Jünger auf dem Boot. Diese beiden Jünger werden im Johannes-Evangelium nur an dieser Stelle (Joh 21,1) und auch da nicht namentlich erwähnt. Und deren Übername „Donnersöhne“, der aus den anderen Evangelien bekannt ist, scheint auch nicht wirklich passend für den Glaubenszeugen, von dem die Autoren des Evangeliums des „Lieblingsjüngers“ sprechen.

Wenn wir also nicht wirklich wissen, wer dieser Jünger ist, dann dürfen wir uns fragen, was denn seine Rolle sein könnte? Was bedeutet es, wenn in einer Geschichte eine Hauptfigur keinen Namen trägt? Ist es nicht wie eine Variable in einer mathematischen Gleichung? Ist es vielleicht eine Einladung an uns als Leserinnen und Hörer, diese unbestimmte Stelle in den Blick zu nehmen? Wenn ich der Anregung von Ignatius von Loyola folge und versuche, mir diese biblischen Szenen innerlich vorzustellen, habe ich quasi einen unbesetzten Stuhl auf meiner Bühne stehen, an dessen Lehne ein Zettel klebt: „Den/die Jesus liebte“. Wie wäre es also, wenn ich mich auf diesen Stuhl setzen würde?

Manche werden diese Idee vielleicht spontan als anmassend empfinden, da wir es doch gewohnt sind, auf diesem Stuhl den Evangelisten, also den „Lieblingsjünger“ zu sehen. Wer bin ich also, mich mit diesem Elite-Jünger vergleichen zu wollen, geschweige denn, seinen Platz einnehmen zu wollen? Doch vielleicht sollten wir aufhören, uns wie Petrus mit diesem Jünger zu vergleichen, sondern zu betrachten, was dieser Jünger denn tatsächlich verkörpert.

Nur fünf Mal taucht er im Evangelium auf: Das erste Mal erscheint er beim letzten Abendmahl (Joh 13,23-26). Er ist derjenige, der ganz nahe bei Jesus ist und sogar seinen Kopf an die Brust Jesu legen darf. Das zweite Mal erscheint er unter dem Kreuz zusammen mit Maria (Joh 19,26-27), wo Jesus sie einander anvertraut. Das dritte Mal taucht er auf am Ostermorgen zusammen mit Petrus beim leeren Grab (Joh 20,2-10), wo er derjenige ist, der glaubt, obwohl das Grab leer ist. Und bei seinem vierten Auftritt am Morgen im Boot (Joh 21,7) ist er der Jünger, der als erster im Fremden am Ufer den Auferstandenen erkennt.

In allen vier Szenen verkörpert dieser Jünger die Erfüllung einer Sehnsucht des Glaubens: Ganz nahe und in intimer Vertrautheit mit Jesus sein. Von Jesus in die Gemeinschaft seiner Liebsten aufgenommen zu werden. Die Seligkeit zu erlangen, nicht zu sehen und doch zu glauben. Und schliesslich im Glauben fähig zu werden, das ignatianische Grundwort zu leben: In allen und allem Gott zu suche und zu finden. Alle vier Dimensionen sind Früchte einer lebendigen Beziehung, zu der Jesus diejenigen einlädt, die er liebt. Und da er uns gezeigt hat, dass er alle liebt, gilt diese Einladung auch und erst recht für mich.

Als geliebte Jüngerin und geliebter Jünger Jesu darf also auch ich in meiner Meditation diese namenlose Stelle im Evangelium einnehmen und Jesus um die Gnade bitten, dass er mir die Sehnsucht erfüllen möge, in der Intimität zu ihm und im Glauben an seine Gegenwart wachsen zu dürfen. Und sollte ich dabei trotzdem ins Vergleichen kommen und mich der Einladung Jesu nicht würdig fühlen, sollte ich meinen Blick auch noch auf das fünfte Auftauchen des besagten Jüngers richten. Diesmal erscheint er im Blickfeld von Petrus, dem Jesus soeben trotz der Erfahrung der Verleugnung die Verantwortung für seine „Schafe“ übertragen hat (Joh 21.20). Als sich Petrus wundert, was denn aus diesem anderen, doch viel frömmeren und geliebteren Jünger werden soll, bekommt er von Jesus zu hören: „Was geht das dich an? Du folge mir nach!“ (Joh 21,22).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: