Impuls zum guten Hirten

4. Sonntag der Osterzeit (Ps 23, Joh 10,1-10)

„Der Herr ist mein Hirte“. Wer kennt ihn nicht, den Psalm 23 vom guten Hirten mit seinen ausdrucksstarken und poetischen Bildern. Doch was bedeutet es heute zu bekennen: „Der Herr ist mein Hirte“? Und warum kann ich heute noch dazu stehen und beten: „Der Herr ist mein Hirte“?

Es ist in unserer Zeit alles andere als selbstverständlich, sich zu einem Hirten zu bekennen. Einen Hirten zu brauchen, kommt dem Eingeständnis gleich, das Leben nicht selber meistern zu können. Wer sich einem Hirten unterwirft, erscheint unreif, unmündig, nicht fähig, selbständig zu denken und zu entscheiden. Und zu Hirten gehören Schafe. Doch wer will heute schon als Schaf gelten. In unserer Kultur der Selbstverwirklichung und der Maximierung individueller Autonomie ist jede Form von Abhängigkeit oder gar frei gewählter Unterwerfung verdächtig.

Wie geht es mir selber damit? Fällt es mir leicht, eigene Grenzen zu akzeptieren und Abhängigkeiten zu anerkennen? Habe ich den Mut und die Demut, andere um Hilfe zu bitten, oder gehe ich eher diesen Situationen aus dem Weg? Und wie geht es mir beim Beten? Fällt es mir leicht, Bitten zu formulieren, für andere oder für mich selbst?

Und wie steht es um meine Sehnsucht? Sehne nicht auch ich mich immer wieder nach etwas von dem, was die Metapher vom Hirten umfasst:
Nach jemandem, der da ist für mich und bei dem ich mich geborgen fühle.
Nach jemandem, der mich beim Namen ruft und dessen Stimme ich kenne.
Nach jemandem, der an mich glaubt, der mir Mut macht und mir etwas zutraut.
Nach jemandem, der mir Sicherheit gibt und der auch bei mir ist und bleibt, wenn ich durch finstere Schluchten gehen muss.
Und nach jemandem, der auch dann noch da ist, wenn ich einmal versage und der mir gerade in solchen Situationen sagt: Es ist ok, ich verzeihe dir. Es ist gut, dass es dich gibt.

Habe ich den Mut, mir selber und anderen gegenüber einzugestehen, dass ich mich eigentlich nach so einem Hirten – oder einer Hirtin – sehne? Und wenn ja, was gibt mir die Überzeugung, heute noch zu sagen: „Der Herr ist mein Hirte“.

Der „Herr“ (griechisch Kyrios) ist die Übersetzung für Adonai, der Gottesbezeichnung, die im Alten Testament anstelle vom Gottesnahmen gebraucht wird, der im Judentum nicht ausgesprochen werden darf. Es geht also um Gott selber, dessen Name vor allem eines bedeuten: Ich bin da. Wir vertrauen nicht auf einen Herrn, der herrscht, fordert, kontrolliert und bestraft, sondern auf einen, der da ist, der uns beim Namen kennt und ruft, und der mit uns auf dem Weg ist. Dies zeigt sich vor allem in der Erfahrung der finsteren Schlucht, wo im Psalm 23 der treue Hirte vom Er zum Du wird: „Du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich“. Diese positiven Erfahrungen des Volkes Israel mit Gott bündeln sich in der Metapher des Hirten als dem Sinnbild der Erfüllung tiefster menschlicher Sehnsucht.

Dieses Bild vom Hirten, das im Alten Testament noch irgendwie abstrakt und unanschaulich blieb, hat in Jesus Christus ein Gesicht bekommen. Plötzlich wurde das, was bisher nur erfahren und erahnt wurde, lebendige, berührbare Wirklichkeit: Der Immanuel ist unter den Menschen aufgetreten: Gott mit uns.

In ihm ereignet sich die Erfüllung unserer Sehnsucht: Er schliesst niemanden aus und begegnet allen Menschen ohne Unterschied. Er öffnet Augen und Ohren und ermutigt Gelähmte und Verzweifelte zum Leben. In ihm erkennen sich auch Kranke und Sünder, Ausgestossene und Weggeworfene als von Gott angeschaut und geliebt. Und er erduldet am eigenen Leib unser Versagen, unsere Ohnmacht und unsere Gewalt und hört dennoch nicht auf, uns zu sagen: Es ist ok, ich verzeihe dir.

Jesus Christus ist ein Hirte, dessen Tür nicht einsperrt sondern Leben und Freiheit eröffnet: „Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Joh 10,9). Und er ist ein Herr, der nicht gekommen ist, um zu herrschen und uns zu beherrschen, sondern damit wir das Leben haben und es in Fülle haben. Darum können wir auch heute noch selbstbewusst dazu stehen und frei bekennen: Der Herr ist mein Hirte!

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