Glauben mit enttäuschten Erwartungen

Impuls zum Evangelium am Dienstag der 4. Osterwoche (Joh 10,22-30)

„Wie lange noch willst du uns hinhalten? Wenn du der Messias bist, sag es uns offen!“ (Joh 10,24). Die Juden, die Jesus im Tempel begegnen, scheinen langsam die Geduld zu verlieren. Aber ist diese Reaktion wirklich so abwegig? Natürlich verweist Jesus auf die Werke, die er im Namen seines Vaters vollbracht haben will und meint damit wohl die ersten sechs Wunder oder „Zeichen“, wie sie im Johannes-Evangelium genannt werden. Aber Wundertäter soll es damals auch andere gegeben haben. Und das, was die Juden vom Messias erwarten, ist mehr als eine Brotvermehrung und ein paar spektakuläre Heilungen.

Der erwartete Messias soll sein Volk von der Unterdrückung befreien und Recht und Gerechtigkeit schaffen. Von ihm wird der Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung erwartet und die Wiederherstellung der Würde des Volkes Israel und des davidischen Königtums. Doch nichts von dem hat Jesus bisher in Angriff genommen. Stattdessen spricht er davon, seinen Schafen – zu denen er seine Gesprächspartner nicht zählt – ewiges Leben zu geben. Und all das mit dem Anspruch: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30).

Wir müssen aufpassen, dass wir es uns mit dem nachösterlichen Blick des Glaubens nicht zu leicht machen, wenn wir mit Verachtung auf die Gegner Jesu blicken. Denn letztlich verkörpern sie doch eine Spannung, der auch wir als Gläubige in unserer Zeit immer wieder ausgesetzt sind: Es ist eines, in Jesus, dem guten Hirten, Gottes liebende Sorge für uns und seine treue Hilfe in den finsteren Schluchten unseres Lebens zu besingen. Doch was heisst das konkret angesichts des erdrückenden Leids und der schreienden Ungerechtigkeit in der Welt? Wie bringen wir die irgendwie doch berechtigten Erwartungen an einen allmächtigen und guten Gott zusammen mit dessen scheinbarer Ohnmacht, irgendetwas am Gang der Welt zu ändern?

Spielt sich nicht auch unser Glaube immer wieder ab in der Spannung zwischen der Sehnsucht nach dem verheissenen Trost und konkreten Erfahrungen von Trostlosigkeit? Wie gehe ich mit meinen enttäuschten Erwartungen um, mit meinen Zweifeln, mit meiner Wut und mit meinen Fragen an einen Gott, der oft so gar nicht dem entspricht, was ich doch eigentlich bräuchte? Habe ich als „Schaf“ den Mut, den Hirten mit meinen Gefühlen zu konfrontieren und gleichzeitig zu hören, was er mir sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30)? Bin ich bereit, meine Erwartungen loszulassen und mich auf den Weg einzulassen, den Jesus gewählt hat, um die Welt zu verändern: Den gewaltlosen Weg der Verwandlung der Herzen, der letztlich allein zu einer nachhaltigen Verwandlung der Welt führt? Lebe und engagiere ich mich wirklich im Glauben an einen Gott, dessen scheinbare Ohnmacht ich zwar nicht verstehe, auf dessen liebende Gegenwart und lebensspendende Kraft ich aber zutiefst vertraue? Oder wie geht es mir mit den Worten von Etty Hillesum?

„Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unsrem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. (…) Ich werde allmählich wieder ruhiger, mein Gott, durch dieses Gespräch mit dir. Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen. Du wirst wohl auch karge Zeiten in mir erleben, mein Gott, in denen mein Glaube dich nicht so kräftig nährt, aber glaube mir, ich werde weiter für dich wirken und dir treu bleiben und dich nicht aus meinem Inneren verjagen.“
Sonntagmorgengebet, Tagebuch 12. Juli 1942

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