Impuls zu Weg, Wahrheit und Leben

5. Sonntag der Osterzeit (Joh 14,1-12)

“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater ausser durch mich“ (Joh 14,6). Diese Selbstaussage Jesu steht im Zentrum unseres Glaubens. Doch dürfen wir sie heute angesichts des modernen Pluralismus überhaupt noch ernst nehmen und vor allem verkünden? Müsste es heute – dem Zeitgeist entsprechend – nicht eher heissen: „Ich bin ein Weg, eine Wahrheit und eine Weise des guten Lebens. Jeder kommt irgendwie zum Vater, auch durch mich“?

Den Begriff der Wahrheit vermeidet man heute am besten, wenn man politisch korrekt sein möchte. Wer die Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, setzt sich schnell dem Vorwurf von Intoleranz und Fundamentalismus aus. Vor allem das Christentum steht da unter permanentem Generalverdacht. Die eigene Wahrheit als absolut zu beanspruchen und einem anderen seine Wahrheit abzusprechen, ist die eigentliche Häresie unserer Zeit.

Diese skeptische Haltung ist verständlich angesichts des Unheils, das immer wieder im Namen der Wahrheit angerichtet wurde und wird. Gerade in diesen Tagen feiern wir das 75jährige Jubiläum des Endes einer der dunkelsten Epochen der Menschheitsgeschichte, zu der auch das Christentum seinen unrühmlichen Beitrag geleistet hat: Die absolute Beanspruchung der Wahrheit in Jesus Christus und die Anklage gegen diejenigen, die diese Wahrheit gekreuzigt haben, bildet seit 2000 Jahren immer wieder die Grundlage eines latenten Antijudaismus. Gerade weil wir als Christen heute vorsichtig sein müssen mit dem Anspruch auf Wahrheit, lohnt es sich also genau hinzuschauen, was Jesus denn mit Weg, Wahrheit und Leben meinen könnte.

Seine Aussage ist die Antwort auf die Frage nach dem Weg zu Gott und damit zu einem gelungenen Leben und zum Glück. Diese Suche nach Glück ist wohl allen Menschen eigen, egal welcher Religion und Kultur sie angehören. Und wer nach Glück sucht, der sucht letztlich nach etwas Gültigem. Selbst wenn man sich immer mit dem Vorläufigen zufrieden geben muss, fragt die Sehnsucht, die den Menschen antreibt nach dem Ewigen, Absoluten. Also irgendwie doch nach der Wahrheit. Und wenn es diese Wahrheit gibt, dann muss sie in Gott, dem Ursprung von allem, zu finden sein.

Im Blick auf diesen Gott sagt Jesus nun: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen (Joh 14,9). In ihm, in Jesus verbringt der Vater seine Werke. So wie Jesus den Menschen begegnet, wie er sie berührt und heilt, wie er sie tröstet und zum Leben befreit, so begegnet Gott selber uns Menschen. In Jesus von Nazareth wendet sich die radikale Transzendenz, das kosmische All oder der Ursprung allen Seins uns Menschen zu in seiner bedingungslosen Liebe. In ihm macht sich der Unfassbare berührbar und der Unsichtbare zeigt sein liebendes Antlitz. Und im Gekreuzigten stellt sich der Schöpfer des Universums in seiner liebenden Ohnmacht auch heute noch unseren Fragen, unserer Gewalt und dem Schrei unserer Verzweiflung.  

Die Wahrheit, die sich uns in Jesus zeigt, ist also weder ein definierter Glaubensinhalt, den es zu glauben und zu bekennen gilt, noch eine Liste von Bedingungen, Gesetzen und Geboten, die wir zu erfüllen haben. Die Wahrheit ist Gott selber, der vor allem eines ist: Liebe. Und weil diese Liebe sich zwar ausnahmslos nach allen Menschen sehnt, aber keine Bedingungen stellt und jede und jeden frei lässt, sie anzunehmen oder nicht, darf diese Wahrheit, die Jesus verkörpert, nie für die Begründung von Machtspielen, Ausgrenzungen und Gewalt missbraucht werden. Der Gott, der uns sein Wesen in Jesus offenbart, ist die Antwort auf die wohl fundamentalste Sehnsucht aller Menschen: Der Sehnsucht nach Beziehung und nach einem Du, das mich ansieht, das mich kennt und beim Namen nennt, das mich annimmt und liebt, wie ich bin, und das meinem Leben einen Sinn gibt, indem es mich einlädt, mich zusammen mit IHM auf den Weg zu machen und für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.

Wer weiss, was möglich wäre und wie die Welt aussehen würde, wenn wir es wagen würden, uns wirklich zur Wahrheit von Jesus Christus zu bekennen und uns ganz seinem Weg und Leben anzuvertrauen: „Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch grössere als diese vollbringen“ (Joh 14,12)

„Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich nur ganz seiner Führung anvertrauten.“
Ignatius von Loyola

2 Kommentare zu „Impuls zu Weg, Wahrheit und Leben

  1. Eben habe ich meinen Blog ´Vaterherz Gottes´ geschrieben und stoße nun auf …wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen… und andere Worte aus deinem letzten Schreiben. Es ist wohl die Sehnsucht des Vaters, die gerade unsere Gedanken lenkt und Worte schreibt. Sei gesegnet!

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