Warum ist ER nicht einfach geblieben?

Christi Himmelfahrt (Apg 1,1-11)

„Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken“ (Apg 1,9). Aber warum dieses Spektakel der Himmelfahrt? Warum ist Jesus, der Auferstandene, nicht einfach geblieben? Was hätte er nicht alles bewirken können und wie würde die Welt heute aussehen, wenn er sich nicht nur während vierzig Tagen den Aposteln und ein paar ausgewählten Jüngerinnen und Jüngern gezeigt hätte, sondern immer mal wieder… bis heute? Warum hat er seinen Geist geschickt und ist nicht selber geblieben, um den weltlichen und religiösen Herrschern immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass sie ihn schon damals nicht vernichten konnten? Und würde ihm nicht die ganze Jugend der Welt zu Füssen liegen, wenn statt alternden Päpsten er selber als der Auferstandene bei Weltjugendtagen predigen würde?

Die Antwort darauf liegt vielleicht gerade in der Formulierung der letzten Frage. Jesus ist nicht gekommen, damit die Menschen ihm zu Füssen liegen. Er hat selber unsere Füsse gewaschen und uns gezeigt, dass wir für ihn nicht Knechte sondern Freundinnen und Freunde sind. „Gloria Dei vivens homo“ hat der Heilige Irenäus von Lyon einmal gesagt: Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch. Gott will nicht durch Unterwürfigkeit und fromme Verdemütigung geehrt werden, sondern durch Menschen, die sich durch die Erfahrung seiner Liebe aufrichten und zum Leben befreien lassen. Das drückt sich wunderbar in der katholischen Liturgie aus, in der wir beim Beten eingeladen sind, aufrecht vor Gott zu stehen, und dies selbst zu Beginn beim sogenannten Bussakt, bei dem wir uns gerade als Sünderinnen und Sünder vom barmherzigen Blick Gotte anschauen lassen dürfen.

Damit eine solche Beziehung auf Augenhöhe unter Freunden möglich wird, muss das asymmetrische Verhältnis von Meister und Knecht aufgelöst werden. Und das kann nur dadurch geschehen, indem der Meister sich mit der Zeit zurückzieht und den Knecht aus der Abhängigkeit in die Freiheit entlässt. Das ist letztlich die grosse Aufgabe von Eltern gegenüber ihren Kindern, aber auch von all denen, die vorübergehend Verantwortung für die Entwicklung anderer übernehmen müssen und dürfen: Lehrer, Professorinnen, Coaches, Mentorinnen, Therapeuten, geistliche Begleiterinnen. Alle diese Rollen haben zum Ziel, sich irgendwann überflüssig zu machen, indem sie die Anvertrauten zur Selbständigkeit führen und eines Tages in die Freiheit entlassen.

Jesus Christus hat dies schon während seines Lebens praktiziert. Er war immer auf Achse und hat sich von niemandem festhalten lassen. Immer wieder hat er sich zurückgezogen. Er war kein Guru, der die Menschen durch Worte, Zeichen und Wunder von sich abhängig machen wollte. Er hat Menschen geheilt, befreit und aufgerichtet, damit sie leben. Die meisten davon hat er nach Hause geschickt, um weiterzugeben, was sie empfangen haben. Und diejenigen, die er gerufen hat, mit ihm zu kommen, wurden einfach etwas intensiver und länger darauf vorbereitet, eines Tages alleine aufbrechen zu müssen, um im Namen Jesu Gottes Liebe zu verkünden und andere zum Leben zu führen.

Jesus hat uns alles gegeben, was er vom Vater bekommen hat. Er hat uns gezeigt, wer Gott ist und wer wir sind für Gott. Damit hat er seine Mission erfüllt. Durch seine Himmelfahrt entlässt er die Menschheit in die Mündigkeit und in die Verantwortung für die Welt. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ (Apg 1,11). Zu den Menschen zu gehen und die Welt zu gestalten sind wir gesandt, mit Vollmacht und der Unterstützung seines Geistes.    

„Ich wollte noch tausenderlei Dinge von Dir fragen und lernen, jetzt muss ich alles allein tun. Ich fühle mich so stark, weisst Du, ich weiss, dass ich mein Leben meistern werde. Die Kräfte, über die ich verfüge, hast Du in mir freigesetzt. Du hast mich gelehrt, unbefangen den Namen Gottes auszusprechen. Du warst der Vermittler zwischen Gott und mir, und nun bist Du, mein Vermittler, fortgegangen und mein Weg führt jetzt geradewegs zu Gott, das ist gut, ich fühle es. Und nun will ich meinerseits zur Vermittlerin werden für alle anderen, die ich erreichen kann“. 
Etty Hillesum (Tagebuch, 5. September 1942, nach dem Tod ihres Mentors Spier)

2 Kommentare zu „Warum ist ER nicht einfach geblieben?

  1. Danke für deine Worte – meine Gedanken dazu:

    Abschiede von wichtigen Personen in unserem Leben sind nie einfach.

    Wir tragen den Geist der Menschen, die uns wirklich begleitet haben, angenehme, aber auch schwierige, holprige Wege mit uns gegangen sind, wohl ein Leben lang mit uns und sie haben einen besonderen Platz in unserem Herzen. Dazu gehören besonders diejenigen, die uns den Weg zum Herrn gezeigt haben, die informiert, gezogen, zurechtgerückt, provokante Fragen gestellt, Staunen gelehrt, zugehört, Mut gegeben haben weiterzumachen und nicht aufzugeben. Die uns Wachstumsbilder vermittelt haben „Gott grünt und blüht in unserer Seele“ und schlussendlich seine Liebe und das Bleiben bei ihm vorgelebt haben. Glauben lernen geht durch Glaubende. Das Schönste, was wir von anderen bekommen können.

    Liebe Grüße
    Maria

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlichen Dank für Deine Gedanken. Ja, „glauben lernen geht durch Glaubende“. Aber gerade darum müssen diese Glaubenden immer wieder dafür sorgen, dass sie selber nicht zu wichtig werden und wirklich den Weg frei geben zu Gott.
      Herzliche Grüsse aus der Schweiz.

      Gefällt mir

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