Petrus, liebst du mich? – Ja, schon…

(Joh 21,1.15-19)

«Liebst du mich?» Ich hoffe, diese Frage hat jeder von uns schon einmal zu stellen gewagt. Es ist eine Frage, die Mut braucht, denn ein Nein würde schmerzen. Entsprechend sensibel achten wir auf die Antwort. Und ich bin überzeugt, dass alles andere als ein klares «Ja, ich liebe dich» uns aufhorchen lassen würde. Darum ist es ebenso schade wie verwunderlich, dass in den meisten Übersetzungen des heutigen Evangeliums die Antwort von Petrus an Jesus eigentlich falsch widergegeben wird. Denn Petrus verwendet ein anderes Wort. Das ist, wie wenn man uns antworten würde: «Ja, ich mag dich» oder «ich hab dich lieb», was nicht wirklich das ist, was wir hören wollen.

Im griechischen Originaltext des Neuen Testamentes werden in dem Dialog zwischen Jesus und Petrus zwei unterschiedliche Worte für lieben verwendet: agapao und phileo. Das erste meint eher die reine, bedingungslose Liebe, während der zweite Begriff eher die Freundschaft oder die Liebe zwischen Menschen bezeichnet. Der Unterschied in der Verwendung scheint aber fliessend gewesen zu sein, wodurch die Übersetzer sich offensichtlich berechtigt fühlen, die beiden Begriffe synonym zu deuten und einfach mit lieben zu übersetzen. Dabei geht aber nicht nur die wesentliche Nuance in der Antwort des Petrus verloren, sondern auch die innere Dynamik des ganzen Dialoges mit den drei vermeintlich gleichen Fragen.

Zur Verdeutlichung erlaube ich mir hier, phileo mit «Freund sein» zu übersetzen. Dadurch entsteht etwas verkürzt folgender Dialog:

Jesus: Petrus, liebst du mich mehr als diese?
Petrus: Ja, Herr, du weiss, dass ich dein Freund bin.

Jesus: Petrus, liebst du mich?
Petrus: Ja, Herr, du weisst, dass ich dein Freund bin.

Jesus: Petrus, bis du mein Freund?
Petrus: Ja, Herr, du weiss alles. Du weisst, dass ich dein Freund bin.

Auf den ersten Blick wird klar, dass Jesus hier nicht einfach dreimal die gleiche Frage stellt. Das übliche Argument, dass er dreimal fragt, um Petrus an die dreifache Verleugnung zu erinnern, wird der Dynamik des Dialoges nicht gerecht. Wenn es einen Verweis auf die schmerzhafte Erfahrung der Verleugnung gibt, dann vielleicht dieses «mehr als diese», das Petrus daran erinnern mag, dass er einmal treuer sein wollte als seine Freunde. 

Die schmerzhafte Erfahrung der Verleugnung ist es vielleicht auch, die Petrus daran hindert, einfach so «Ja, ich liebe dich» zu sagen. Sein Ja ist eher ein Jein oder ein «Ja, schon, aber…». Seine Antwort enthält einen klaren Vorbehalt, der letztlich nicht von ihm aufgehoben wird sondern von Jesus selber, der sich mit seinen Fragen schrittweise der Antwort von Petrus anpasst. Und darum wird Petrus vielleicht nicht einfach darum traurig, weil Jesus dreimal nachbohrt, sondern weil er sich bewusst wird, dass Jesus ihm entgegenkommt und beim dritten Mal so fragt, dass er auch wirklich mit Ja antworten kann. 

So gelesen, bekommt dieser Dialog zwischen Jesus und Petrus überhaupt erst seine tiefere Bedeutung: Jesus macht Petrus nicht zum Hirten seiner Schafe, weil dieser Ja sagt und schon gar nicht, weil Petrus ihn mehr liebt als die anderen. Ganz im Gegenteil, Petrus bekommt diese Verantwortung allein darum anvertraut, weil Jesus es will und ihn erwählt. Und vielleicht ist es gerade das demütige Bewusstsein um die Begrenztheit seiner eigenen Liebe, das Petrus in den Augen von Jesus überhaupt erst befähigt, zum Fels zu werden, auf dem Jesus seine Kirche aufbauen möchte.

Damit befreit Jesus auch uns ein für alle Mal von der Frage, ob wir ihn denn genug lieben würden, um uns von ihm in einen Dienst rufen zu lassen. Nicht unser eigenes Urteil über unsere Liebesfähigkeit und unseren Glauben ist entscheidend, sondern allein die Liebe Jesu zu uns und das Vertrauen, das er in uns setzt. Denn als Petrus wenig später fragt, was denn aus Johannes werde, den Jesus liebte (agapao) – und der in den Augen von Petrus doch sicher mehr liebte als er –, bekommt er zu hören: «Was geht das dich an? Du folge mir nach!» (Joh 21,22)

Gebet vom Heiligen Philipp Neri (1515 – 1595)

Ich möchte dir dienen, und ich finde den Weg nicht.
Ich möchte das gute tun, und ich finde den Weg nicht.
Ich möchte dich lieben, und ich finde den Weg nicht.
Ich kenne dich noch nicht, mein Jesus, weil ich dich nicht suche.
Ich suche dich, und ich finde dich nicht; komm zu mir, mein Jesus.
Ich werde dich niemals lieben, wenn du mir nicht hilfst, mein Jesus.
Zerschneide meine Fesseln, wenn du mich haben willst, mein Jesus.
Jesus, sei mir Jesus.

2 Kommentare zu „Petrus, liebst du mich? – Ja, schon…

  1. Ich glaube tatsächlich, Jesus stellte Petrus diese Frage dreimal, um ihn frei zu machen von Scham und gewiss zu machen in seiner Liebe für Jesus – trotz Versagen. Jesus sieht das Herz, auch da, wo es für uns so dunkel zu sein scheint und führt in die Freiheit. Ich liebe seine Wege. Danke für deinen Text, der daran erinnert, wie gut der Vater und wie groß seine Liebe zu uns – auch wenn die Scham uns von ihm trennen möchte.

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    1. Danke für Dein Feedback! Für mich liegt der entscheidende Punkt darin, dass eben nicht dreimal „diese Frage“ gestellt wird. Und das befreiende für Petrus besteht vielleicht gerade darin zu begreifen, dass es um seine Liebe hier gar nicht geht. Jesus vertraut Petrus unabhängig von dessen Antwort, und vielleicht ist es ja gerade diese Erfahrung, die es Petrus ermöglich, Jesus überhaupt zu lieben, in Freiheit und ohne die dauernde Angst, nicht zu genügen.
      Ich wünsche Dir einen geistvollen Pfingstmontag!

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