Und Du, für wen hältst Du mich?

21. Sonntag A (Mt 16,13-20)

„Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16). Die Antwort von Simon Petrus ist klar und bestimmt. Bestimmter wohl als manche von uns antworten könnten, wenn Jesus uns fragen würde: Und du, wer bin ich für dich? Und diese Antwort scheint korrekt zu sein. Mehr noch, sie ist so zutreffend, dass dieser Simon Barjóna sie gar nicht aus sich selber sondern nur von Gott persönlich bekommen haben kann. Und sie scheint Simon würdig zu machen, zum Petrus zu werden, zum Felsen, auf dem Jesus seine Kirche begründen will. Doch was bedeutet diese Antwort eigentlich? Ist sie eine Wahrheit, eine Erkenntnis, die Petrus Macht und Würde verleiht und über andere erhebt? Und hat der Träger dieser Erkenntnis ein für alle Mal begriffen, wer dieser Jesus ist?

Sollte Petrus damals dieser Versuchung erlegen sein, wurde er schnell eines Besseren belehrt. Nicht umsonst hatte Jesus ihm und seinen Gefährten verboten, mit anderen darüber zu sprechen. Denn es ist eines zu bekennen, dass Jesus der Christus sei, etwas anderes aber ist es, auch zu wissen, was damit gemeint ist. Für die Menschen damals waren die Begriffe Christus und Messias verbunden mit klaren Vorstellungen, Erwartungen und Hoffnungen. Im Messias hatte man den seit langer Zeit durch die Propheten verheissenen Retter erwartet, der Israel aus der römischen Knechtschaft befreit und mit starker Hand Recht und Gerechtigkeit schafft. Doch diese Erwartungen wurden von Jesus, dem Christus, nicht erfüllt. Im Gegenteil, spätestens unter dem Kreuz musste auch dem letzten Optimisten klar werden, dass von diesem Messias nichts mehr zu erwarten war. Auch den treusten Freundinnen und Freunden wurde dieser Moment der brutalen Zerstörung ihrer Vorstellungen vom Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, nicht erspart.

Doch dieser Moment der Ohnmacht und der Verzweiflung, der Trauer und der Ratlosigkeit gehört genauso zum christlichen Glauben wie die Erfahrung der Auferstehung und des neuen Lebens. In Jesus den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes zu erkennen, heisst eben nicht, ihn ein für alle Mal als Wahrheit begreifen und festhalten zu können. Wer sich aufmacht, diesem Jesus nachzufolgen, um ihn immer mehr kennenzulernen, wird immer wieder vor der Herausforderung stehen, die eigenen Vorstellung, Erwartungen und Hoffnungen loszulassen und sich der Realität zu stellen, zu der Jesus uns einlädt. Jesus als den Sohn des lebendigen Gottes zu bekennen und mit ihm in die Zukunft zu gehen, heisst dann eben immer auch, gelegentlich mit ihm zu sterben, Altes zu begraben, liebgewonnene Gewohnheiten aufzugeben und die eigenen Vorstellungen von Zukunft loszulassen.

Die damit verbundenen Gefühle, die Verletzungen, die Trauer und die Wut sind normal und menschlich. Sie dürfen sein und sie sollen auch zugelassen werden. Nur was zugelassen und nicht gewaltsam verdrängt wird, kann irgendwann auch losgelassen werden. Und nur das Loslassen öffnet den Blick für das Neue, das entstehen will.

Das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, ist also weniger eine Wahrheit, die ich besitzen und festhalten könnte, als vielmehr die Erkenntnis, die mir die Richtung weist, in der ich immer neu nach der Wahrheit suchen soll. In dem Masse wie Petrus dies schmerzlich begriffen hat, wurde er schliesslich zum Felsen, auf dem die Kirche gründet. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Zukunft ungewisser ist denn je und wo auch in der Kirche vieles an vermeintlich ewigen Wahrheiten an Grenzen stösst, sind wir eingeladen, nicht verzweifelt an einer Vorstellung von „Christus“ festzuhalten, sondern immer wieder auf Jesus selber zu schauen, den Auferstandenen, der uns im hier und jetzt stets neu begegnen möchte.

„Er (Christus) kann mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern, und selbst dann, wenn die christliche Botschaft dunkle Zeiten und kirchliche Schwachheiten durchläuft, altert sie nie. Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmassen, ihn gefangen zu halten, und überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität.“
Papst Franziskus, Evangelii Gaudium 8

Bild: Christus von Georg Malin in der Kapelle von Notre-Dame de la Route in Villars-sur-Glâne (Fribourg)

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