Fürchtet euch nicht zu leben!

Allerheiligen (1 Joh 3, 1–3 / Mt 5, 1–12a)

Vielleicht hatten wir die Heiligen noch nie so nötig wie heute, als Helferinnen und Fürbitter, aber ebenso als Vorbilder und Inspirationsquellen im Glauben. Wir leben in einer Zeit globaler Entwicklungen, die bei vielen Menschen Unsicherheit und Angst auslösen: Was wird morgen sein? Worauf können wir uns noch verlassen? Und wie gehen wir als Christinnen und Christen damit um? Was könnte unsere Rolle sein als geliebte Kinder Gottes in der Welt von heute?

Einer der meist wiederholten Sätze im Neuen Testament ist: „Fürchtet Euch nicht!“ Damit ist wohl nicht gemeint, dass wir keine Angst haben sollen oder gar dieses Gefühl verdrängen sollten. Die Angst ist da, sie ist natürlich und wir teilen sie mit all unseren Mitmenschen. Das Entscheidende ist aber nicht, das Gefühl der Angst zu haben oder nicht, sondern die Frage, wie wir mit dieser Angst umgehen. Lassen wir all unser Denken und Handeln von dieser Angst bestimmen, oder bewahren wir uns die Freiheit, trotz der Angst als Kinder Gottes zu leben?

Am Schweizer Weltjugendtag 2018 in Fribourg hatten die Organisatoren als Rednerin Emily Wilson eingeladen, eine junge amerikanische Katholikin, Journalistin und YouTuberin. In ihrem Impuls hat sie den Jugendlichen drei Punkte mitgegeben, die auf den ersten Blick vielleicht nicht sehr populär klingen, die ich aber gerade darum auch für uns alle bedenkenswert finde:

Fürchtet euch nicht zu dienen.
Fürchtet euch nicht zu leiden.
Und fürchtet euch nicht, euch hinzugeben.

Das Dienen ist die Antwort auf die Liebe dessen, der nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern um selber zu dienen. Es ist die liebende Antwort auf die erfahrene Liebe Gottes, das Weitergeben dieser Liebe an die anderen und an die Welt. Wer dient, tritt heraus aus dem ängstlichen Kreisen um sich selber. Dienen ist persönliches Engagement im Bewusstsein, dass ich nicht alleine bin sondern Teil der geschwisterlichen Gemeinschaft aller Menschen, wie es Papst Franziskus in seiner jüngsten Enzyklika Fratelli Tutti beschreibt.

Der Mut und die Bereitschaft zu leiden sind die Voraussetzung für die Liebe und das Mitleiden mit den Menschen und der ganzen Schöpfung. Die Flucht vor dem Schmerz in die Betäubung und in die Zerstreuung mag zwar individuell im Moment Erleichterung schaffen. Es ist aber häufig eine Form der Verneinung der eigenen Realität und der leidvollen Realität der Welt. Wir werden nichts an der Welt verändern können, wenn wir deren leidvolle Wahrheit nicht wahrnehmen und wahr sein lassen wollen. Nur was angenommen wird, kann auch verwandelt werden.

In der Fähigkeit, mich hinzugeben, anerkenne ich, dass ich etwas hinzugeben habe. Und in der Bereitschaft, mich im Vertrauen auf Jesus Christus hinzugeben, anerkenne ich nicht nur meine Armut vor Gott, dem ich mein ganzes Sein verdanke und von dem ich allen habe was ich bin. Ich bezeuge damit auch, dass meine Existenz, so unscheinbar und bedeutungslos sie auch erscheinen mag, durch das liebende Ja Gottes zu mir einen Sinn hat und dass es darum auch nicht sinnlos ist, mich mit allem, was mir an Gaben und Möglichkeiten geschenkt wird, für andere und für die Welt zu engagieren.

Der Mut, mit und trotz der eigenen Angst zu leben und die Bereitschaft zu dienen, zu leiden und sich hinzugeben hat die heiligen Frauen und Männer aller Zeiten verbunden. Sie sind dadurch in Mitten der Nöte ihrer jeweiligen Zeit für ihre Mitmenschen als Kinder Gottes offenbar geworden. Und ihr Beispiel kann bis heute auch für uns zur Inspiration und zur Quelle der Hoffnung werden. Beten wir durch ihre Fürsprache und ihren Beistand, dass auch wir nicht in der Angst gefangen bleiben, sondern den Mut und die Kraft finden, da wo wir hingestellt sind mit unseren Mitteln und Gaben furchtlos zu dienen, mitzuleiden und uns hinzugeben.

8 Kommentare zu „Fürchtet euch nicht zu leben!

  1. Dazu fällt mir ein … von der „kleinen“ Therese – für mich die genialste Heilige:

    Gehalten
    Ich weiß mich gehalten und habe darin Ruhe und Sicherheit
    – nicht die selbstgewisse Sicherheit des Mannes,
    der in eigener Kraft auf festem Boden steht,
    aber die süße und selige Sicherheit eines Kindes,
    das von einem starken Arm getragen wird,
    eine – sachlich betrachtet – nicht weniger vernünftige Sicherheit.
    Oder wäre das Kind „vernünftig, das beständig in der Angst lebte,
    die Mutter könne es fallen lassen? …
    Und wenn Gott mir durch den Propheten sagt,
    dass Er treuer zu mir stehe als Vater und Mutter,
    ja dass Er die Liebe selbst ist,
    dann sehe ich ein, wie „vernünftig“ mein Vertrauen auf den Arm ist,
    der mich hält,
    und wie töricht alle Angst vor dem Sturz in Nichts
    – wenn ich mich nicht selbst aus dem bergenden Arm losreiße.
    Therese de Lisieux

    Grüße aus Stuttgart
    Maria

    Gefällt 2 Personen

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