Von der Freude der Krippe zur Verantwortung der Erben

Neujahrspredigt 2021, Jesuitenkirche Luzern
(Gal 4,4-7 / Lk 2,16-21)

Wie schauen wir auf dieses neue Jahr? Gehören wir zu den optimistischen Realisten oder doch eher zu den realistischen Pessimisten? Und was hat unser Glaube damit zu tun? Die Hirten sind in der Heiligen Nacht voll Freude und Gott preisend von der Krippe weggegangen. Doch jetzt, eine Woche später, was ist davon geblieben? Bei manchen dürfte mit der Distanz auch eine gewisse Ernüchterung eingetreten sein: Was kann dieses Kind schon ändern an unseren Problemen des Alltags und am unheilschwangeren Gang der Welt? Es braucht schon einen offenen Geist und einen gewissen Optimismus, um in der Krippe das Zeichen einer realistischen Hoffnung zu sehen. Je nach Mentalität bestimmen Zuversicht oder Resignation unsere Erwartung.

Doch Jesus Christus lädt uns ein, nicht dabei stehenzubleiben. Glaube, Hoffnung und Liebe sind zwar in persönlichen Erfahrungen und Gefühlen begründet, in den Herausforderungen des Alltags aber oft die Früchte einer Entscheidung. Und zu dieser Entscheidung möchte uns der menschgewordene Gott befähigen, indem er uns durch seine bedingungslose Liebe befreit von der Angst und von bedrohlichen und lähmenden Gottesbildern. Jesus macht aus passiven Knechten und Sklavinnen freie Töchter und Söhne Gottes, denen er sein Erbe anvertrauen möchte. Darin besteht unsere Würde, aber auch unsere Verantwortung. Wir sind nicht nur dazu da, das irdische Schicksal passiv und demütig zu erdulden, sondern das uns anvertraute Erbe aktiv mitzugestalten. Das beginnt damit, dass auch wir ja sagen zu der Welt, zu der Gott in Christus ja gesagt hat. Und dass wir mit ihm an das Gute in der Welt glauben, es suchen und das uns mögliche tun, um zu seiner Entfaltung beizutragen.

Dank der mathematischen Chaostheorie wissen wir, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings am einen Ende der Welt am anderen Ende einen Orkan auslösen kann. Wie viel mehr sind wir eingeladen zu vertrauen, dass jede freie Tat eines Menschen, so klein und unscheinbar sie auch sein mag, die Welt verändert. Jeder liebende Blick, jede absichtslos geschenkte Zeit, jedes Wort der Ermutigung und jeder Schritt der Versöhnung schaffen eine andere, neue Welt, die es ohne sie nicht geben würde. Dieser bejahende, optimistisch realistische Zugang zur Welt ist den meisten von uns aber nicht einfach so gegeben. Er will immer wieder neu im Glauben erwählt und gegen die Gefühle von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit errungen sein. Und daher lädt uns Papst Franziskus ein, immer wieder um die Gabe des geistlichen Trostes zu bitten, diese innere Kraft und Offenheit, die uns hilft bei der Entscheidung, immer neu auf Gottes Gegenwart zu vertrauen und ihn in allem zu suchen und zu finden. Denn „Er (Christus) kann mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern, und selbst dann, wenn die christliche Botschaft dunkle Zeiten und kirchliche Schwachheiten durchläuft, altert sie nie. Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmassen, ihn gefangen zu halten, und überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität.“ (Evangelii Gaudium, 8).

5 Kommentare zu „Von der Freude der Krippe zur Verantwortung der Erben

    1. Vielen herzlichen Dank, liebe Mitzi! Ich wünsche auch Dir ein gesundes, glückliches und kreatives neues Jahr 2021… letzteres nicht ganz uneigennützig im optimistisch realistischen Blick auf zu erwartenden Lesegenuss 😉😂
      Liebe Grüsse aus der Schweiz

      Gefällt 1 Person

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