Mit Gottes Vollmacht reden und lieben

Gedanken zum 4. Sonntag im Jahreskreis (B, Mk 1,21-28)

Die Menschen in der Synagoge staunen: Da lehrt einer mit Vollmacht, nicht wie die anderen. Doch was macht den Unterschied aus? Worin unterscheidet sich die Lehre und Predigt Jesu von derjenigen der Schriftgelehrten? Was ist das Geheimnis seiner Ausstrahlung? Der Evangelist Markus sagt uns nichts darüber, was Jesus gesprochen hat. Offensichtlich geht es ihm hier weniger darum, was gesagt wird, als wer da spricht.

„Ich weiss wer du bist: der Heilige Gottes“, schreit der unreine Geist, der schneller als alle anderen erkennt, wer ihm in diesem Jesus von Nazareth gegenübersteht. Da ist nicht einer, der wie viele andere mehr oder weniger klug und gelehrt über Gott spricht. Die ganze Ausstrahlung Jesu, seine Kraft, seine Präsenz und seine Authentizität lassen ahnen, dass da nicht nur Worte über Gott gesprochen werden, sondern dass da Gottes Wort ist. Und dieses Wort bringt Licht, Liebe und Leben für die Welt. Kein Wunder also, dass es die Geister der Dunkelheit sind, die „Feinde der menschlichen Natur“ und des Lebens, wie Ignatius von Loyola sie zu nennen pflegt, die als erste seine Präsenz wahrnehmen und zu spüren kriegen.

Diese Erkenntnis ist fundamental für unseren Glauben, auch wenn sie für viele Christen bis heute nicht wirklich selbstverständlich ist: Jesus ist nicht einer von vielen, die gesandt waren, uns etwas von Gott zu verkünden. Er ist selber das Wort, das er verkündet. Darum ist das Wichtigste an der Bibel weniger das, was Jesus gesagt hat, als das, was er getan hat und wie er es getan hat. Er selber hat die ersten Jünger, die ihn kennenlernen wollten, eingeladen, „kommt und seht“ (Joh 1,39), und nicht etwa, kommt und hört meine Predigten. Denn „wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9).

Christinnen und Christen über konfessionelle Grenzen hinaus haben heute die Tendenz, Jesus vor allem als Ideal und Vorbild zu verstehen, der uns zeigt, wie wir richtig und gottgefällig zu leben haben. In dieser Funktion passt er konfliktfrei in die pluralistische Reihe anderer vorbildlicher Figuren der Menschheitsgeschichte. Doch das Christentum ist seinem Wesen nach nicht primär eine Ethik. Jesus Christus ist nicht Mensch geworden, um uns zu zeigen, wie wir leben sollen. Er ist in die Welt gekommen, um uns zu zeigen, wer Gott ist und wer wir sind für Gott.

Das ganze Leben Jesu, angefangen von der Geburt über unzählige Begegnungen mit Menschen bis hin zum Kreuz und der Auferstehung steht im Dienst der Selbstoffenbarung Gottes: seiner Sehnsucht nach Begegnung mit uns Menschen, seiner Zuwendung zu den Ärmsten und „Weggeworfenen“ (Papst Franziskus) und seiner bedingungslosen Liebe, die sich auch durch Gewalt und Tod nicht am Lieben hindern lässt.

Ignatius von Loyola lädt uns in seiner besonderen Weise der Schriftbetrachtung ein, dieses Leben Jesu mit all unserer Vorstellungskraft und all unseren Sinnen zu meditieren und zu betrachten. Dass die Reden, Predigten und Gleichnisse dabei erst einmal kaum vorkommen, zeigt, dass es bei dieser ignatianischen Gebetsweise eben nicht primär um ein Nachdenken über Glaubensinhalte geht, sondern um ein Kennenlernen Jesu über die konkrete persönliche Erfahrung. Da, wo ich mit Jesus mitgehe, ihm zuschaue und mich von ihm faszinieren, berühren und herausfordern lasse, da bekomme auch ich vielleicht allmählich ein Gefühl für das, was die Menschen in der Synagoge so staunen liess: Die Vollmacht des „Heiligen Gottes“, der von sich sagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater“.

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