Von „geweihten“ Kindern zum geweihten Leben

Fest der Darstellung des Herrn, „Mariä Lichtmess“ (Lk 2,22-40)
Tag des geweihten Lebens (Ordensleben)

Was wird wohl einmal werden aus diesem Kind? Es ist ein Geheimnis, wie ein ungeschriebenes Buch, das sich da vor uns auftut, wenn wir in die Augen eines Neugeborenen schauen dürfen. Jeder Mensch, wie bedeutend oder scheinbar unbedeutend er auch gewesen sein mag, hat einmal so begonnen. Auch Jesus, der von seinen Eltern wie vom Gesetzt vorgeschrieben, in den Tempel gebracht und Gott geweiht wird. Im biblischen Verständnis ist das der Moment, wo Jesus zum ersten Mal in „sein“ Haus kommt und von Vertretern seines Volkes als Messias erkannt und bekannt wird: Das Heil, das Gott vor allen Völkern bereitet hat.

Doch diese Praxis, die im jüdischen Gesetz für jede männliche Erstgeburt vorgeschrieben ist, hat eine symbolische Bedeutung und Kraft, die eigentlich – und vielleicht gerade heute – für alle Neugeborenen und für ihre Eltern heilsam sein könnte. Im Darbringen des Kindes vor Gott wird ausgedrückt, dass jedes Kind vor allem ein Geschenk Gottes ist. Seine Berufung ist es, zu einem freien und selbstverantwortlichen Subjekt heranzuwachsen. Und daher ist das kleine Geschöpf zwar die mehr oder weniger erwünschte oder geplante biologische Frucht seiner Eltern und daher erst einmal deren Sorge und Liebe anvertraut. Aber das Kind gehört nicht seinen Eltern.

Dieses Bewusstsein scheint mir leider bis heute mehr Ideal als Realität zu sein. Weltweit werden viele Kinder nicht um ihrer selbst willen geboren. In ärmeren sozialen Verhältnissen werden sie als Arbeitskräfte und Garanten der Altersvorsorge ihre Eltern gezeugt, während sie bei uns teilweise im Rahmen der Karriere und Selbstverwirklichung ambitionierter Eltern geplant werden, deren Ansprüchen und Erwartungen sie genügen müssen. Dazu gehört auch, dass Kinder immer wieder in frommer Absicht Gott „geweiht“ werden, in der Hoffnung, dass sie einmal Ordensleute oder Priester werden. In all diesen Fällen wird das Kind zum Mittel der Erfüllung von Bedürfnissen der Eltern und verliert dabei einen Teil seiner Würde und Freiheit.

Das wachsende Bewusstsein und die Entfaltung dieser ursprüngliche Würde, die jedem Menschen als Kind Gottes zukommt, ist die Bedingung, dass Menschen sich als Erwachsene frei und in gesunder Weise einem eigenen Anliegen „weihen“ können, sei das der Kunst, einem Beruf, der Politik, oder auch dem Leben und Engagement als Ordensfrau oder Ordensmann in einer geistlichen Gemeinschaft.

Das Fest der Darstellung des Herrn ist traditionell auch der Tag des geweihten Lebens, an dem die Ordensleute für ihre Berufung danken und beten. Spätestens seit dem zweiten Vatikanischen Konzil sind sie sich dabei bewusst (oder sollten es sein), dass ihre Lebensform weder wertvoller, heiliger noch gottgefälliger ist als jede andere sinnvoll und erfüllt gelebte Berufung. Das Leben im Orden unter den Gelübden von Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit ist keine Leistung, mit der ich mir vor den Augen Gottes meine Würde erwerben kann. Im Gegenteil, es ist die Frucht der Erfahrung meiner unantastbaren Würde vor Gott, die es überhaupt erst möglich macht, auf seine Liebe und seinen Ruf in Freiheit zu antworten und ihm mein Leben zu „weihen“.

Wenn Maria und Josef ihren Sohn in den Tempel bringen, dann tun sie das nicht, um ihn irgendeinem Zweck zu weihen, sondern um ihn bewusst in den Raum zu stellen, dem sie sein und ihr Leben verdanken. Jesus ist ihnen anvertraut, damit sie ihn behüten, in Liebe aufziehen und erziehen. Es ist ihre Aufgabe und Berufung als Eltern, ihn darauf vorzubereiten, dass er einmal selber vor Gott hin stehen und in Freiheit entscheiden kann, wem und in welcher Form er sein Leben weihen möchte. Sie haben das Ihre dazu beigetragen, dass er zu dem werden konnte, was Simeon und Hanna in ihm gesehen haben: Ein Licht, das die Welt erleuchtet.

Was immer wir heute in den Augen eines kleinen Kindes sehen mögen, beten wir um die Weisheit und die nötige Liebe, damit wir das Unsrige dazu beitragen, dass es später in Freiheit wählen kann, auf welche Weise es das leben möchte, zu dem wir alle durch Christus berufen sind: Licht der Welt zu sein (Joh 8,12).

Bild: Darstellung in der „crêche“ des Zisterzienserklosters Hauterive bei Fribourg

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