Alles in Christus neu sehen – Ignatianisches Jahr

Vom 20. Mai 2021 bis zum 31. Juli 2022 begehen die Jesuiten ein Ignatianisches Jahr unter dem Leitwort „Alles in Christus neu sehen“. Anlass sind die Jubiläen der Bekehrung des Ignatius von Loyola (1491 – 1556) vor 500 Jahren und seiner Heiligsprechung vor 400 Jahren (12. März 1622, zusammen mit Franz-Xaver, Teresa von Avila, Philipp Neri und Isidor von Sevilla).

Am 20. Mai 1521 veränderte eine französische Kanonenkugel in Pamplona das Leben des damals 30-jährigen baskischen Edelmannes Inigo von Loyola. Eine Tante soll dem jugendlichen Heisssport einmal gesagt haben, er werde wohl keine Vernunft annehmen, bis man ihm ein Bein bricht. Und tatsächlich sollten das schwer verletzte Bein und die mehrmonatige Genesungszeit auf dem Krankenbett zu einer Bekehrungserfahrung führen, die nicht nur das Leben des Ignatius sondern auch die Entwicklung von Kirche und Welt massgeblich verändert und geprägt hat. Neben dem Jesuitenorden gibt es heute zahlreiche Gemeinschaften sowie Frauen und Männer über Konfessionsgrenzen hinweg, die sich in ihrem Glauben und bei ihrem Engagement für die Welt von der Erfahrung des Ignatius inspirieren lassen.

Die sogenannten Exerzitien oder Geistlichen Übungen und die daraus abgeleitete Ignatianische Spiritualität, die ihren Ursprung in dieser persönlichen Erfahrung des Ignatius haben, erweisen sich gerade in der heutigen Zeit komplexer Realitäten und Einflüsse als wertvolles Werkzeug zur Entwicklung einer persönlichen Gottesbeziehung und eines kritischen Christ- und Menschseins in Freiheit und Verantwortung. Dabei handelt es sich nicht um eine Theorie oder ein Wissen, das ich mir aneignen und besitzen könnte, sondern um eine „Weise des Vorangehens“, ein stetes Lernen und Wachsen durch das bewusste Wahrnehmen, Benennen und Unterscheiden von konkreten Erfahrungen, Gefühlen, Impulsen und inneren Regungen. Entsprechend ist das wichtigste Kriterium bei der Suche nach dem „Willen“ Gottes nicht das Festhalten an ewigen, doktrinal festgehaltenen Wahrheiten, sondern die dauernde Suche nach dem, was im Hier und Jetzt mehr dem Glauben dient, der Hoffnung und vor allem der Liebe, ad majorem Dei gloriam – zur grösseren Ehre Gottes  

Die Bekehrung des Ignatius war keine Pauluserfahrung, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel über ihn hereingebrochen ist. Die Kanonenkugel von Pamplona war nur der Anlass, der das Gewohnte erschütterte und dadurch den Raum für etwas Neues eröffnete. Ignatius hatte etwas Zeit gebraucht, um angesichts dieser biographischen „Katastrophe“ die Chance zu erkennen und offen zu werden, für die Stimme Gottes, die seine tiefste Sehnsucht nach Sinn und Leben berührte und ihr eine neue Perspektive eröffnete.

Und so wollen auch wir dieses Ignatianische Jahr nutzen, um zusammen mit unseren ignatianischen Freundinnen und Freunden die ursprüngliche Erfahrung des Ignatius in Erinnerung zu rufen und unsere eigenen Erfahrungen zu vertiefen. Wir wollen uns Zeit und Raum geben, um unsere Sehnsucht nach Leben und Liebe lebendig zu halten und in den Umbrüchen und Herausforderungen unserer Zeit immer mehr die Stimme Gottes zu hören und die Welt in Christus neu zu sehen.

Und was ist Deine/Ihre Kanonenkugel, die dem Leben und vielleicht auch dem Glauben eine neue Qualität und Richtung gegeben hat… oder wer weiss, vielleicht noch geben könnte und möchte?

Bild: Kirche des ehemaligen Jesuitenkollegs St. Michel in Fribourg (Schweiz)

5 Kommentare zu „Alles in Christus neu sehen – Ignatianisches Jahr

  1. Ein wertvoller Beitrag, der die persönliche Gotteserfahrung / Gottesbeziehung in den Mittelpunkt stellt. Möge das ignatianische Jahr viele Menschen darin bestärken, andere damit neu oder zum ersten Mal beschenken. Danke, dass wir an diesem Reichtum Anteil nehmen können. Helmut Schwarze

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  2. Insbesondere der dritte Absatz deines Textes hat mich angesprochen. Ich finde die Freiheit des Geistes und die Verantwortung für sein Tun elementar, um eine persönliche Beziehung auch zu Gott zu entwickeln.
    Ich wünsche dir ein reich erfülltes Ignatianisches Jahr.

    Gefällt 1 Person

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